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Rezension. „Tödliche Fracht. Das heimliche Geschäft mit Waffen und Drogen“, lautet der deutsche Titel des Buches von Matt Potter. Der britischen Journalisten arbeitete unter anderem als BBC-Korrespondent in vielen krisengeschüttelten Ländern. So berichtet er auch aus dem Serbien Miloševi?s. Die UNO hatte damals ein striktes Embargo gegen das Land erlassen. Umso mehr wunderte sich Potter, dass Waffen und Drogen trotzdem in Hülle und Fülle vorhanden waren. Wie konnte das geschehen und warum wiederholt sich das immer wieder in jedem Krisengebiet der Welt?


Zusammenbruch der Sowjetunion und die verheerenden Folgen

Potter beantwortet diese Frage durchaus vielschichtig und beginnt dabei mit dem Ende der Sowjetunion. Denn gemeinsam mit dem riesigen Staatsgefüge, ging auch die größte Armee der Welt unter. Was das bedeutete, kann niemanden glücklich stimmen: Es war der Startschuss für einen monströsen Waffen-Ausverkauf  – von der AK47 bis hin zum Panzer oder Kampfhubschrauber. Die Käufer sind nur allzu oft fragwürdige Gestalten. Einen Eindruck was für ein Weihnachtsfest das für Waffenhändler gewesen sein muss, liefert übrigens der sehr empfehlenswerte Hollywoodstreifen „Lord of War“ mit Nicolas Cage. Die illegalen Waffen müssen aber natürlich auch noch an ihren gewünschten Bestimmungsort gebracht werden. Und auch da konnten findige Geschäftsleute vom Tod der Sowjetunion profitieren: Denn über Nacht wurden unzählige gut ausgebildete und kampferprobte sowjetische Piloten mit samt deren Crew arbeitslos, die dringend wieder einen neuen Job brauchten. Und so kam es laut Potter, dass diese ehemaligen Soldaten mit den gleichen Militärtransportmaschinen – meist die Il-76 – weiterflogen, diesmal aber für private Unternehmen. Nur diese Leute trauten sich in die Krisengebiete von Afghanistan, über Irak bis hin zum Kongo. Potter begleitete eine solche Crew bei ihren Flügen. Sehr detailliert schildert er wie offiziell Güter für ehrbare NGOs (Nichtregierungsorganisationen) oder UNO geflogen wird und sich in den geheimen Kammern der Flugzeuge Waffen und Drogen verstecken. Der Autor beschreibt sehr drastisch, wie das gleiche Flugzeug sowohl rettende Medikamenten als auch todbringende Waffen etwa nach Afrika liefert. Das Buch beschäftigt sich ausgiebig mit so einem Piloten und seiner Crew: Mickey heißt der Pilot im Buch, der diese paradoxe Industrie mit Achselzucken kommentiert. Für ihn ist das ein normaler Job, so wie Taxi fahren. Er fliegt dorthin wo man ihn braucht, Befehle werden in soldatischer Manier angenommen und umgesetzt. An solchen Leuten besteht zweifelsohne ein weltweiter Bedarf: Teil zwei des Buches handelt auch vom ehemaligen Jugoslawien, Teil drei beschäftigt sich mit dem Nahen Osten und Afrika, Teil vier mit Afghanistan und den Irak, Teil fünf mit Zentralamerika und Horn von Afrika und Teil sechs mit Ostafrika und Russland. Damit zeigt sich auch die globale Dimension des organisierten Schmuggelhandels.


Anfangs spannend, dann langweilig
Leider muss man aber auch sagen: So spannend das Buch auch ist und so kompliziert die Hintergründe, insgesamt 397 Seiten hätte es dafür nicht gebraucht. Denn die Ländern ändern sich im Verlauf, die Geschichten bleiben aber die gleichen: Der Schmuggelhandel ist nicht zentral, es gibt keinen „Mr. Big“, alles ist lose organisiert. Hilfsgüter werden in Krisengebiete zu günstigen Konditionen geflogen, verdienen tut man dann mit den mitgenommenen „destabilisierenden Gütern“. Der Verdacht steht im Raum, dass das zum Teil von gewissen Regierungen gedeckt ist. Ausgeführt werden diese Transporte vor allem von Piloten aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion, die das aus einer Mischung von Überlebenswillen und Gleichgültigkeit machen. Der Job ist brutal risikoreich, viele sind aufgrund mangelnder Wartung abgestürzt oder wurden abgeschossen. Darum geht es in dem Buch und das hätte man auch auf 200 Seiten erzählen können. Matt Potter liefert trotzdem ein eindrucksvolles Bild über die geheimen Transportwege dieser Welt, an denen noch ein jedes Embargo zerschellt ist.

[Kuch, Kurt (2011): Land der Diebe. 1. Aufl. Salzburg: Ecowin Verlag.
€ 22,90. 237 Seiten]

Aufdeckungsjournalist Kurt Kuch kreidet Korruption, Nepotismus und Schamlosigkeit an

Die österreichische Politik ist aufregend wie selten zuvor. Für schwache Mägen ist diese Achterbahn der Korruptionsskandale und Enthüllung aber nichts, zu leicht könnte das zum Erbrechen führen. Ausgekotzt hat sich im wahrsten Sinne des Wortes Kurt Kuch. Provokativ ist er dabei in seinem Buch von Anfang an. So lautet der Titel „Land der Diebe“ und das Buchcover ziert ein Ausschnitt des österreichischen Bundesadler, in seiner Kralle ein Haufen Geldscheine. Als Aufdeckungsjournalist für das Nachrichtenmagazin News tätig, hat Kuch im Laufe der Jahre unzählige Informationen zu den Machenschaften der Parteien gesammelt. Möglich machte das sein weites Netzwerk an Informanten. Kein Wunder, dass von verschiedenen Seiten versucht wurde, die Namen dieser Informanten aus ihm herauszupressen, übrigens in völliger Missachtung des Redaktionsgeheimnisses. Diesem Netzwerk hat er auch zu verdanken, dass ihm Datensätze eines Computers der Freiheitlichen in Kärnten zugespielt wurden.

Kreative Parteienfinanzierung

Und was da für welche Rechnungen zu finden waren, sorgte für mediale Aufmerksamkeit. Im Mittelpunkt steht die Werbeagentur Connect, die bis zur Stilllegung zu 100 Prozent im Eigentum der Freiheitlichen in Kärnten war. Connect versprach beispielsweise dem Kärntner Anwalt Gert Seeber Aufträge des Landes Kärnten und erhielt dafür im Gegenzug saftige Provisionen. Rechnungszwecke waren Layout-Beratungen, Recherchen oder Marketing-Konzepte. Wohl nicht nur Kuch dachte sich da: „In meinem nächsten Leben werde ich Layout-Berater“. Aufgrund Kuchs Veröffentlichungen musste mittlerweile der Geschäftsführer Manfred Stromberger zurücktreten. FPK-Obmann Uwe Scheuch lehnt alle Verantwortung daran ab, er hätte nichts davon gewusst. Der Fall ist spektakulär und wurde erst durch die Buchveröffentlichung publik, leider werden dadurch ältere – im Buch beschriebene – Skandale kaum beachtet. Dabei gibt es noch einige atemberaubende Geschichten.

Weniger Geld für Kinder, mehr für Politiker

So zum Beispiel der Fall Habsburg. Kuch wurde 1998 darauf aufmerksam gemacht, dass Spendengelder von „World-Vision“ verschwunden sind. World-Vision ist eine Hilfsorganisation und sammelt für notleidende Kinder in Afrika. Wie sich später herausstellte, wurden von World-Vision 10.000 Wahlwerbebriefe für den Wahlkampf von Karl Habsburg sowie mehrere Ausgaben der Paneuropa-Zeitung bezahlt; die Paneuropa-Bewegung unterstützte Karl Habsburg massiv.

Dieser gab sich über die Vorwürfe „erschüttert“ und zahlte die missbräuchlich verwendeten Gelder zurück. Die damalige World-Vision-Chefin wurde 2004 schließlich zu drei Jahren unbedingter Haft verurteilt. Kuch begegnete ihr zufällig 2005 im Café Schwarzenberg. Warum war die Dame nicht in ihrer Zelle? – Die Behörden hatten „vergessen“ ihr den Haftantrittsbescheid zuzustellen! Die einstige World-Vision-Chefin flüchtete daraufhin und wieder ließ sich die Justiz viel Zeit bis ein Haftbefehl ausgestellt wurde. August 2005 klickten dann aber die Handschellen, die drei Jahre Haft sollten jetzt angetreten werden. Unvorstellbar: Bereits im Februar 2006 bekam Kuch den Hinweis, dass sich die Dame wieder in Freiheit befindet. Der Anstaltsleiter hatte den „gelockerten Vollzug“ genehmigt, weil die Dame „nicht fluchtgefährdet“ sei. Dass sie zuvor schon geflüchtet war, hat man anscheinend vergessen. Im gleichen Zeitraum wurde sie Alleineigentümerin und Geschäftsführerin einer Vermögensverwaltungsfirma. Auch das war nur möglich, weil die Justiz wieder auf etwas vergaß: nämlich der zuständigen Gewerbebehörde mitzuteilen, dass ihr Gewerbeschein zu löschen ist.

Kleine Häppchen im News-Stil

Diese und andere Skandale, die großen und die kleineren, hat Kurt Kuch zusammengetragen. Auf den 237 Seiten werden die komplexen Geschichten aber nur angerissen. Der Schreibstil entspricht dem der Zeitschrift News: leicht und vor allem schnell lesbare Kost. Der Stil ist angriffig und oft sogar polemisierend. Mit jeder Zeile die man liest merkt man, nicht nur man selbst bekommt eine unendliche Wut ob sovieler Ungerechtigkeiten, auch dem Autor erging es so. Kuch hält was er im Vorwort verspricht: „Das Buch ist eine Generalanklage.“ Es wäre aber wünschenswert gewesen, wenn er sich um mehr Lösungsansätze und Auswege aus dem Filz bemüht hätte. Was sollte konkret gesetzlich gemacht werden? Wie kann das politische System verbessert werden? Wo brauchen wir mehr Transparenz? Das sind Fragen, die leider nur im Vorwort und im Epilog angerissen wurden. Trotzdem zeichnet das Buch ein umfangreiches wie vernichtendes Sittenbild von Österreich. Kuch bringt das treffend auf den Punkt: „Wien liegt nicht nur aus geografischer Sicht östlich von Prag.“ Das riesige Medieninteresse daran und Platz Nr. 1 bei Sachbüchern in Österreich ist sicher gerechtfertigt. Korruption interessiert scheinbar nicht nur Strasser, Grasser, Scheuch & Co. – für alle gilt die Unschuldsvermutung – sondern auch die Steuerzahler.