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Inhaltsangabe und Literaturfragen zu Bertolt Brechts „Der gute Mensch von Sezuan“.

Inhaltsangabe

Wang der Wasserverkäufer tritt auf und klagt das Leid der Menschen. Er wartet auf die Götter, die sehen wollen ob es noch gute Menschen auf der Welt gibt. Wang erkennt sie und möchte für sie ein Nachtlager suchen. Doch keiner möchte die Götter aufnehmen, so bleibt für Wang nur die Möglichkeit zur Prostituierten Shen Te zu gehen. Diese erklärt sich bereit, die Götter aufzunehmen. Allerdings glaubt Wang aufgrund eines Missverständnisses, dass Shen Te die Götter doch nicht aufnimmt, um einen Freier treffen zu können und flüchtet. Nachdem die Götter bei Shen Te übernachtet und sich von ihrer Güte überzeugt haben, geben sie ihr am nächsten Morgen 1000 Silberdollar.

Vorspiel
I.
Shen Te hat sich vom Geld der Götter einen kleinen Tabakladen gekauft. Sie hat den ernsthaften Willen Gutes zu tun. Es betreten die Frau, der Neffe und der Mann ihren Laden. Da sie obdachlos sind, bitten sie Shen Te um eine Bleibe, die natürlich einwilligt. In Folge gewährt Shen Te weiteren Menschen in ihrem Laden eine Bleibe oder leiht ihnen Geld. Durch ihre Barmherzigkeit gerät sie aber immer mehr in Geldnöten.

Zwischenspiel
Die Götter finden Wang und geben ihm den Auftrag nach Shen Te zu sehen.

2.
Im zweiten Kapitel tritt Shui Ta auf und erklärt der Vetter von Shen Te zu sein. Im Gegensatz zu Shen Te ist er ein rücksichtslos kapitalistisch denkender Geschäftsmann. Er presst vereinbarte Kaufpreise bei den Gläubigern von Shen Te hinunter und schmeißt durch einen hinterhältigen Trick die Obdachlosen aus dem Laden.

3.
Yang Sun, ein arbeitsloser Flieger möchte sich erhängen. Shen Te trifft ihn zufällig und versucht ihn von seinen Vorhaben abzubringen. Dabei verliebt sie sich in ihn. Wang der Wasserverkäufer kommt des Weges, dem sie Wasser abkauft, obwohl es regnet.

Zwischenspiel
Die drei Götter, sie sind durch den langen Marsch schon sehr müde, erscheinen Wang im Traum. Sie fragen nach Shen Te und Wang berichtet sehr positiv über sie. Nur über ihren Vetter Shui Ta erhebt er Anklage.

4.
Wang möchte in einem Barbierstube Wasser verkaufen und wird dabei von dessen Besitzer, Herrn Shu Fu, die Hand gebrochen. Doch keiner der Zeugen, die auf die Reisspende von Shen Te warten, ist bereit gegen den mächtigen Shu Fu vor Gericht auszusagen. Herr Schu Fu sieht Shen Te beim Reis austeilen und verliebt sich in sie. Shen Te geht in den Teppichladen und kauft sich einen Shawl. Das alte und gutgläubige Pärchen, denen der Laden gehört, leihen Shen Te 200 Silberdollar, ohne dabei etwas Schriftliches zu vereinbaren. Als Shen Te aus dem Laden tritt, sieht sie Wang und dessen gebrochene Hand. Da immer noch keiner der Anwesenden bereit ist vor Gericht auszusagen, entschließt sie sich, für Wang Meineid zu begehen. Darauf kommt Frau Yang, die Mutter von Yang Sun zu Shen Te und erzählt, dass er einen Fliegerposten bekommen würde, wenn er 500 Silberdollar bezahlen könnte. Shen Te möchte ihrem Geliebten helfen und entschließt sich den Laden zu verkaufen und schießt auch noch die 200 Silberdollar des alten Pärchens vor.

Zwischenspiel
Shen Te mit der Maske und den Anzug des Shui Ta in den Händen klagt darüber, dass die Guten nicht gut bleiben können und es für das tägliche Mittagessen Härte braucht.

5.
Shui Ta führt mit Sun – der gekommen ist, um 300 Silberdollar zu fordern – einen Dialog. Dabei stellt sich heraus, dass Sun das weitere Schicksal des alten Pärchens egal ist. Er möchte nicht einmal Shen Te nach Peking zu seiner erhofften neuen Stelle mitnehmen. Shen Te ist verzweifelt, da sie sich nicht sicher ist, ob er sie überhaupt liebt. Noch dazu ist sie in einem Gewissenskonflikt, da sie dem alten Pärchen jetzt die 200 Silberdollar nicht mehr zurückzahlen kann. Die Shin, eine Frau die für Shen Te arbeitet, empfiehlt ihr, den reichen Shu Fu zu heiraten. Als Shui Ta mit Shu Fu redet, taucht Wang mit einem Polizisten auf, um Shu Fu wegen Körperverletzung anzuzeigen. Aber Shui Ta erklärt ihm, dass Shen Te nicht mehr bereit ist Meineid zu begehen. Schließlich stößt noch Sun hinzu und kann Shen Te überreden nicht Shu Fu, sondern ihn zu heiraten.

Zwischenspiel
Der Alte vom Teppichladen ist krank vor Sorge um seine 200 Silberdollar geworden. Shen Te plagen Gewissensbisse.

6.
Es ist die Hochzeit von Shen Te und Yang Sun. Shen Te hat ihm offenbart, dass sie die 200 Silberdollar zurückzahlen muss. Damit stirbt aber auch die Chance, dass er seinen Traumberuf ergreifen kann. So hoffen Yang Sun und seine Mutter auf Shui Ta, den Vetter, der Shen Te überzeugen soll das alte Pärchen im Stich zu lassen und ihm das Geld zu geben. Doch der Vetter kommt nicht und die Hochzeit platzt.

Zwischenspiel
Die Götter erscheinen abermals Wang im Traum. Sie sind äußerst erschöpft und ihre ganze Erscheinung hat sehr gelitten. Sie haben auf ihrer Reise nur sehr selten gute Menschen getroffen. Deshalb schauen sie voller Hoffnung auf Shen Te, obwohl er behauptet, dass sie gescheitert sei.

7.
Herr Shu Fu nutzt die Chance der geplatzten Hochzeit und gibt Shen Te einen Blankoscheck. Er mimt den barmherzigen Wohltäter, indem er den Armen Baracken zum Schlafen verspricht. Shen Te stellt fest, dass sie schwanger von Yang Sun ist. Sie freut sich zwar, ist aber gleichzeitig sehr ängstlich wie sie sich und das Kind ernähren soll. In diesem Elend tritt abermals Shui Ta auf. Er lässt in den Baracken des Shu Fu Tabak verarbeiten und erpresst die Obdachlosen für ihn zu arbeiten.

Zwischenspiel
Die Götter erscheinen Wang wieder im Traum. Er versucht eine Verminderung der Regeln und Tugenden für Shen Te zu erwirken, doch findet er keine Alternativen. Die Götter wandern müde weiter.

8.
Shui Ta hat in den Baracken eine kleine Tabakfabrik errichtet. Er zwingt Sun in dieser zu arbeiten. Sun beweist seine Herzlosigkeit und wird dadurch zum erfolgreichen Aufseher.

9.
Shen Te bleibt verschwunden, es gibt nur noch Shui Ta. Doch Sun hört eines Tages einen Seufzer von Shen Te aus den Räumlichkeiten von Shui Ta und glaubt daher er hält sie fest. Das möchte er zu seinem Vorteil nutzen und versucht Shui Ta zu erpressen. Doch der weißt ihn ab. Sun kehrt mit einem Polizisten wieder. Man findet die Sachen von Shen Te und bezichtigt Shui Ta des Mordes. Shui Ta wird auf die Wache geführt.

Zwischenspiel
Wang trifft das letzte Mal im Traum auf die Götter. Er erzählt ihnen, dass Shen Te vielleicht ermordet worden ist. Die Götter klagen über ihre misslungene Reise und streiten darüber, ob nun der Mensch oder die Welt so schlecht ist. Sie beschließen zumindest diesen einen guten Mensch, Shen Te, zu suchen.

10.
Die drei Götter treten im Gerichtslokal als Richter auf. All jene Zeugen die mit Shui Ta profitable Geschäfte gemacht haben, loben ihn als einen ehrgeizigen Mann mit Prinzipien. Die Arbeiter der Fabrik bezeichnen ihn als Ausbeuter und generell schlechten Menschen. Shui Ta möchte schließlich ein Geständnis machen, unter der Voraussetzung, dass alle Anwesenden außer den Richtern den Raum verlassen. Als dies geschehen ist, klagt Shen Te, die die Götter schon erkannt hatte, nicht gut sein zu können und doch zu leben. Die Götter sind verwirrt, möchten sich aber nicht eingestehen, dass ihre Gebote tödlich sind. Sie geben Shen Te den Rat nur nicht zu oft den Vetter zu spielen.

Epilog
Ein Schauspieler tritt auf die Bühne und entschuldigt sich beim Publikum für das offene Ende. Er regt aber an, nachzudenken und selbst einen guten Schluss zu finden.


Literaturfragen

Untersuchung des Aufbaus

Der Aufbau entspricht einem epischen Parabelstück und dient der Versinnlichung lehrhafter Inhalte. Das Publikum soll am Bühnengeschehen teilhaben. Der modellhafte soziale Raum, die Verwendung unterschiedlicher Sprachebenen, die Unterbrechung der Handlung durch Songs und kommentierende Passagen sind Verfremdungseffekte, wie sie Brecht in seinen theoretischen Schriften zum Theater begründet hat.

Bedeutung der sprachlichen Mittel

Die verwendeten sprachlichen Mittel sind Euphemismus, Hyperbel (Übertreibung), Ironie und Metapher.

Elemente des Theaterkonzeptes

Episches Theater: Bezeichnet dramatische Werke, die sich von klassischen Dramen in ihren Zielen und Methoden unterscheiden. Brecht verwendet vor allem Verfremdungseffekte um Alltägliches auf neue und ungewohnte Art in Szene zu setzen.

V-Effekte: Die Verfremdungseffekte sollen eine zu enge Bindung an die Figuren des Stückes verhindern und so eine objektive Reflexion und Beurteilung ermöglichen. Zu V-Effekten zählen: Die persönliche Anrede des Publikums, Prolog, Projektion von Überschriften, kurze Inhaltsangaben am Beginn einzelner Szenen, Selbsteinführung von Personen (z.B. Wang der Wasserverkäufer), häufig ein offener Schluss, Songs (also gesungene Lieder), sichtbare Bühnentechnik, der Verzicht von Interieur und Atmosphäre, der Einsatz von Medien (Film, Rundfunk) und die gestische Darstellung. (Schauspieler sollen sich mit der Rolle nicht identifizieren, sondern sollen diese demonstrieren und sie dadurch fremd und kritisierbar erscheinen lassen)

Parabel: Eine Parabel (von griechisch Parabole = Gleichnis) ist eine kurze, lehrhafte Erzählung, die eine allgemeine sittliche Wahrheit oder Lebensweisheit durch einen Vergleich aus einem anderen Vorstellungsbereich verdeutlicht.

Song: Der Schauspieler tritt meist aus seiner Rolle heraus und wendet sich mit dem Song an das Publikum. Er soll eine mögliche Identifizierung mit der Figur verhindern.

Der „gute Mensch“

In diesem Stück fällt auf, das außer Shen Te, alle armen Menschen schlecht sind. Sie trachten nur danach ihre derzeitige Lebenssituation zu verbessern, ohne Rücksicht auf andere. Kleine Diebstähle und Betrügereien werden mehr oder weniger als Mittel zum Überleben akzeptiert. Neben Shen Te zeigt nur noch der reiche Großbürger Shu Fu Güte. Damit möchte Bertolt Brecht unterstreichen, dass die moralische Schlechtigkeit des Menschen eine Folge seiner Armut ist. Verbessert man also die soziale Lage der Menschen, steigt auch die Moral, denn dann kann der Mensch auch seine naturgemäße Güte leben. Erst durch den Kapitalismus und die damit verbundene Armut werden die Menschen einander zu Feinden und Objekten der Ausbeutung. Der „gute Mensch“ kann in diesem System nicht überleben. Daher sieht Brecht die Lösung dieses Problems in der, nach der Version von Marx und Engels, kommunistisch organisierten Gesellschaft.

Die Rolle der Götter

Die Götter stellen die moralische Instanz in diesem Werk dar. Sie kommen auf die Erde um zu sehen, wie es den Menschen ergangen ist. Sie suchen Menschen die ein sittliches und menschliches Leben führen. Bald erkennen sie aber, dass solche Menschen schon sehr selten geworden sind, ohne dass sie dagegen etwas tun können. Die Götter spielen in diesem Werk insofern eine wichtige Rolle, da sie den entscheidenden Anstoß für den weiteren Verlauf der Geschichte gegeben haben. Am Ende des Stückes treffen die Götter, als Richter verkleidet, wieder auf Shen Te. Aber nicht nur Shen Te ist es schlecht ergangen, auch die Götter haben auf ihrer Reise viel Leid erfahren müssen und eingesehen, dass man nicht absolut gut auf dieser Welt sein kann. So rücken sie von ihren Idealen ab und fordern von Shen Te nur nicht zu oft ein Shui Ta zu werden.

Das Lied vom Elefanten

Das Lied vom Elefanten ist ein gleichnishaftes Lied, indem der achte Elefant mit dem Machthabenden paktiert und die restlichen sieben Elefanten brutal ausbeutet. Die Arbeiter singen dieses Lied für Sun, der zum rücksichtslosen Aufseher aufgestiegen ist. Doch dieser beachtet die Anspielung überhaupt nicht, sondern beschleunigt das Arbeitstempo mit Händeklatschen noch zusätzlich.

Die Bedeutung von wirtschaftlichen Grundbedingungen und Wertvorstellungen

Die wirtschaftlichen Grundbedingungen geben den Armen keine Chance, ihre Lage zu verbessern. Sie müssen ihre Arbeitskraft sehr billig zur Verfügung stellen. Nutzen ziehen daraus nur wenige Privilegierte, die die Arbeiter unterdrücken und einen gewaltigen Profit erwirtschaften können und dafür von der Gesellschaft als tüchtige Unternehmer geehrt werden. In „Der gute Mensch von Sezuan“ drückt sich das durch den Aufstieg des Arbeiters Sun zum Aufseher aus. Er geht dabei mit erbarmungsloser Härte vor. Für dieses, eigentlich verachtenswerte Verhalten, bekommt Sun großes Lob von seiner Mutter und es ermöglicht ihm, einen höheren Stellenwert in der Gesellschaft zu erlangen. Damit zeigt Brecht, dass in der jetzigen Gesellschaft nicht mehr Güte und Menschlichkeit zählen, sondern Egoismus und unbedingter Ehrgeiz.

Deutung des Werkes

Hauptintention des Marxisten Bertolt Brecht ist eine umfassende Kritik am Kapitalismus. Brecht wollte den Menschen die negative Seite zeigen und sie auffordern, gemeinsam den Kapitalismus zu überwinden. Die Götter kommen auf die Erde, da sie nach guten Menschen suchen und stellen die unbedingte Forderung nach Güte und Humanität. Der Atheist Brecht bringt in seinem Werk zum Ausdruck, dass die Götter entweder den Menschen nicht helfen wollen oder unfähig dazu sind. Sie sind sich uneinig, in ihren Ansichten weltfremd und können selbst nicht in dieser Welt überleben, denn schlussendlich sind ihre Kleider zerrissen, sie sind übermüdet und verzweifelt. Denn die Menschen sind verroht und rücksichtslos geworden. Aber man stellt eindeutig fest, dass nicht der angeborene Charakter Schuld an dieser Schlechtigkeit ist, sondern die katastrophalen wirtschaftlichen Bedingungen. So bleibt auch nur ein wahrhaft guter Mensch übrig: Shen Te. Freundlichkeit, Hilfsbereitschaft und Nächstenliebe scheinen ihre unverrückbaren Charaktereigenschaften zu sein. Trotzdem muss sie – um die Miete bezahlen zu können – ihre Körper verkaufen. Mit dem Besitz des Ladens häufen sich auch die Schmarotzer um sie, die nur darauf bedacht sind sie auszunehmen. So steht sie vor dem finanziellen Bankrott. In ihrer verzweifelten Lage und mit dem Auftrag „gut zu sein, und doch zu leben“, spaltet sich ihre Person. Immer häufiger tritt der eiskalte Shui Ta auf, ihr berechnend denkendes Ich. Als Mann verkleidet, schafft sie das, was sie als gütige Frau nicht geschafft hat: finanziellen Erfolg, Sicherheit und hohes gesellschaftliches Ansehen. Damit will Brecht der bürgerlichen Gesellschaft den Spiegel vorhalten. Denn nicht die liebevolle Shen Te schaffte es zu Respekt und Ansehen, nein, sie wurde sogar für ihr Verhalten belächelt und als naiv eingestuft. Obwohl notgedrungen Shen Te für immer länger Zeit verschwindet, bis sie gar nicht mehr auftaucht, lässt Brecht das Ende offen. Die Götter lassen Shui Ta, der sich als Shen Te zu erkennen gegeben hat, in der Verzweiflung alleine. Der Vorhang fällt, ein Schauspieler betritt die Bühne und wendet sich eindringlich an das Publikum, doch selbst ein Ende (im realen Leben) zu suchen. Denn: „Verehrtes Publikum, los, such dir selbst den Schluss! Es muss ein guter da sein, muss, muss, muss!“

Biografie: Bertolt Brecht

Bertolt Brecht wird 1898 als Sohn eines leitenden kaufmännischen Angestellten geboren. Sein Wirken lässt sich in drei große Richtungen unterscheiden:
Erste Schaffungsperiode: Anarchistischer Protest
Seine erste Schaffungsperiode ist noch vom Expressionismus beeinflusst, in der sich Bertolt Brecht als großen Kritiker der bürgerlichen Gesellschaft zeigt. Seine lyrischen Formen werden als „Gebrauchslyrik“ bezeichnet. Dieser Lebensabschnitt ist von seinen Eindrücke des 1. Weltkrieges geprägt. So beschreiben seine dramatischen Texte die Vereinsamung und Hoffnungslosigkeit, denen der Mensch in dem allgemeinen Zusammenbruch aller moralischen Werte und Sicherheiten ausgeliefert ist.

Zweite Schaffensperiode: Der Marxist Brecht
Ab 1926 beschäftigt sich Brecht eingehend mit der marxistischen Ideologie. Mittelpunkt seiner Werke ist nicht mehr die Kritik am Weltbild der bürgerlichen Gesellschaft, sondern der Kampf gegen die gesellschaftlich-politischen Zustände auf Grundlage der Ideen von Karl Marx. In diesem Lebensabschnitt entstehen die Opern „Die Dreigroschenoper“ und „Mutter Courage und ihre Kinder“. In seinen Lehrstücken probiert Brecht erstmals auch jene neuen dramatischen Mittel, die er später unter dem Schlagwort „Episches Theater“ zusammenfasst.

Dritte Schaffensperiode: Brecht als Regisseur
Nach fünfzehn Jahre im Exil kehrt Brecht 1948 nach Deutschland zurück. In Ostberlin leitet er eine eigene Theatergruppe, das Berliner Ensemble. Er kommt aber auch in Konflikt mit dem kommunistischen Regime in der DDR. In seinen weiteren Werken warnt er vor Faschismus, Bürokratie und die Gefahren des Krieges. Eine resignierende, melancholische und nachdenkliche Grundhaltung herrschen vor. 1956 stirbt Brecht an einem Herzinfarkt.

Zusammenfassung: Bertolt Brecht war ein Mensch, der nie wirklich sesshaft wurde und immer sehr stürmisch blieb. Er studierte auf unsystematische Art und Weise Naturwissenschaften, Medizin und Literatur und war mehrmals verheiratet. Während der Kriegsjahre waren die Schweiz, skandinavische Länder und die USA seine Aufenthaltsorte, bis er schließlich wieder nach Deutschland zurückkehrte. Konsequent blieb der Schriftsteller, der sehr von Marx beeinflusst worden ist, nur bei seiner politischen Auffassung. Aber gerade wegen seiner sozialkritischen Stücke, die alle die kleinbürgerliche und kapitalistische Problematik behandeln, zählt Brecht zu den bedeutendsten deutschen Künstlern.

Warum China als Ort des Geschehens?

Die tatsächlich existierende chinesische Provinz Sezuan soll dem Stück Realität geben und gleichzeitig der Verfremdung dienen.

Warum muss sich Shen Te verwandeln?

Shen Te bekommt 1000 Silberdollar von den Göttern, unter der Bedingung immer gut zu sein. Sie will das auch einhalten, doch wird ihr gütiger, hilfsbereiter und liebevoller Charakter aufs Ärgste ausgenützt. In dieser kapitalistischen Welt hat sie keine Chance und steht sehr schnell vor dem finanziellen Ruin. Nur durch den Einsatz von Shui Ta, für den nur zählt was sich rechnet, kann Shen Te überleben. Als sie von Sun schwanger wird, wird ihr bewusst, dass ihr Kind ohne Geld keine Zukunft haben kann. So verschwindet Shen Te endgültig und der rücksichtslose Charakter Shui Ta übernimmt die Oberhand.

Definition der Begriffe: Neue Sachlichkeit, Marxismus, Kommunismus, Sozialismus und Kapitalismus

Neue Sachlichkeit (1920-1945)

Nach dem 1. Weltkrieg wird eine neue Bestimmung der menschlichen Werte erforderlich und eine objektive Bestandsaufnahme des menschlichen Daseins. Gefordert sind nicht mehr Pathos und Sentimentales sondern die Beschreibung realer Zustände. Die Literatur entwickelt sich weg von der Sollsein- zur Sosein-Dichtung.

Kennzeichen der Dichtung
Streben nach der Wahrheit, Großstadt und Großstadtmensch, krankhafte Menschen, Spannungen der Zeit – die zwar dargestellt aber nicht bewältigt werden.

Der Zeitroman der Neuen Sachlichkeit
Ist eine literarische Bewegung, die die objektive Wirklichkeit sachlich, fast dokumentarisch darstellen will, indem sie die gesellschaftlich-soziale Realität, den Alltag, beschreibt.

Marxismus

Unter Marxismus versteht man eine Bewegung, die sich auf die Lehre von Karl Marx und Friedrich Engels bezieht. Marxistische Ansätze sind insbesondere:
• Die Idee einer globalen Analyse (gegenseitige Abhängigkeit von Gesellschaft, Wirtschaft und Politik)
• der Klassenkampf als Motor der Entwicklung der Klassengesellschaft
• die Theorie des dialektischen Materialismus
• die von Marx entwickelten Konzepte und Theorien hinsichtlich Mehrwert, Arbeitskraft, Produktionsmittel …

Kommunismus

Die Idee des Kommunismus hatte seine Hochblüte im 19. Jahrhundert, als Reaktion auf die Veränderung der Gesellschaft durch die industrielle Revolution. Durch die neuen Produktionsverfahren in Fabriken wurden Arbeiter benötigt, die, ohne Rechte und Sicherheit, zu einem Hungerlohn ihre Arbeitskraft zur Verfügung stellen mussten. Kommunisten kritisieren, dass der Kapitalist die Macht hat Arbeiter auszubeuten, dadurch hohe Gewinne erzielt, diese Gewinne investiert und seine Macht weiter ausbauen kann. Der Arbeiter verarmt durch diesen Teufelskreis immer mehr. Daher wollten die Kommunisten eine Revolution und eine Herrschaft des Proletariats errichten. In dieser neuen Gesellschaft sollte es keine direkten Autoritäten geben und alle Produktionsgüter würden gemeinschaftlich verwendet werden.

Sozialismus

Im klassischen Sozialismus wird die Auffassung vertreten, dass sich die Produktion nicht nach dem Bedarf der Gesellschaft, sondern nach den Profitinteressen der Kapitaleigner richte. Daher tendiere privates Kapital dazu, sich in wenigen Händen zu konzentrieren. Diese Entwicklung führe zu einer finanziellen Oligarchie, deren Macht auch von einer demokratischen Gesellschaft immer weniger kontrolliert werden könne. Daraus wird im klassischen Sozialismus der Schluss gezogen, dass es notwendig sei, die Produktionsmittel mittels Vergesellschaftung und Verstaatlichung der Verfügungsgewalt der Kapitalisten zu entziehen. Sozialismus möchte Gleichheit im Ergebnis, dafür werden auch Beschränkungen der Rechte und Freiheiten des Einzelnen zum Wohl der Gesellschaft akzeptiert.

Kapitalismus

Verfechter der freien Marktwirtschaft vertreten die Auffassung, dass sich die Produktion im Kapitalismus vor allem am Bedarf der Gesellschaft ausrichte und der Preis für die Produkte sich an den Gesetzmäßigkeiten von Angebot und Nachfrage orientiere. Um die Nachfrage zu steigern, wird der Bedarf in der Moderne durch Werbung auch oft künstlich erzeugt. Die Unternehmen stellen diejenigen Güter her, die sich auf dem Markt verkaufen lassen. Kritik am Kapitalismus äußerst sich darin, dass er nur marktorientiert denkt und nur der Gewinn zählt. Um Kosten zu senken, könnten Unternehmer Luxusgüter zu überhöhten Preisen anbieten und die Produktion im Bereich der Basisgüter einschränken, was zu einer Unterversorgung der Bevölkerung führen würde. Weil es große Unterschiede zwischen arm und reich gäbe, hätten die Menschen nicht mehr die gleichen Chancen.

Dieser Artikel bietet eine kurze Biografie zu Gotthold Ephraim Lessing, Inhaltsangabe und Interpretation seines Werkes Nathan der Weise und eine Zusammenfassung über die Zeit der Aufklärung.

  1. Biografie
  2. Inhaltsangabe
  3. Interpretation
  4. Die Aufklärung
  5. Literaturstreit zwischen Gottsched und Lessing

Biografie

Gotthold E. Lessing

Gotthold Ephraim Lessing wurde am 22. Januar 1729 in Kamenz geboren. Sein Vater war evangelischer Archidiakon. Bis zu seinem zwölften Lebensjahr besuchte er die Latein-Schule in Kamenz, anschließend die Fürstenschule St. Afra in Meißen. Danach nahm er das Theologiestudium an der Universität Leipzig auf. Schon bald beschäftigte er sich aber mit eher weltlichen Dingen und begeisterte sich für das Theater. In der Zeitschrift „Der Naturforscher“ und den von seinem Vetter Christlob Mylius herausgegebenen „Ermunterungen zum Vergnügen des Gemüths“, erschienen erste Gedichte, Fabeln und Verserzählungen. Wegen eigener und fremder Schulden, für die er gebürgt hatte, flüchte Lessing aus Leipzig. Nach kurzem Zwischenaufenthalt in Wittenberg, wo er Medizin studieren wollte, erreichte er Berlin.
Lessing entschloss sich dort den Beruf des freien Schriftstellers zu ergreifen. Er war da noch keine zwanzig Jahre alt. Zusammen mit Mylius gab er die Zeitschrift „Beiträge zur Historie und Aufnahme des Theaters“ heraus, daneben schrieb er Rezensionen, Gedichte, Theaterstücke („Die Juden“, „Der Freigeist“) und verfasste Übersetzungen. Ab 1751 arbeitete er für die „Berlinischen privilegierten Staats- und Gelehrten Zeitung“. Auf Drängen des Vaters reiste er aber nach Wittenberg, um dort seine Studien abzuschließen. Im April 1752 promovierte er zum Magister der Philosophie. Danach war Lessing wieder in Berlin. Er beschäftigte sich mit Übersetzungen von Schriften Voltaires und Friedrichs II und begann das ehrgeizige Projekt der (niemals vollendeten) „Theatralischen Bibliothek“, die in unregelmäßiger Reihenfolge eine kritische Geschichte des Theaters zu allen Zeiten und bei allen Völkern liefern sollte. Weiters erschien die sechsteilige Sammlung seiner Schriften und 1755 entstand „Miß Sara Sampson“.

Finanzielle Sorgen

Trotz des literarischen Ruhmes war Lessing nach wie vor auf der Suche nach einer gesicherten Anstellung. 1756 wollte er mit dem reichen Kaufmann Winkler eine Europareise machen, doch im August wurden sie in Amsterdam vom Ausbruch des Siebenjährigen Krieges überrascht und mussten umkehren. Nach der Rückkehr in das mittlerweile von den Preußen besetzte Leipzig, entwickelte sich bald eine enge Freundschaft zum preußischen Major und Dichter Ewald von Kleist. In Berlin schrieb er die ersten Briefe „Die neueste Literatur betreffend“, 1759 erschien dann der Einakter „Philotas“. Einen überraschenden Einschnitt in sein Leben stellte die Stelle als Sekretär beim preußischen General Tauentzien dar. Aller Geldsorgen enthoben, begann Lessing ein lasterhaftes Leben und gab sich seiner Spielleidenschaft hin. Bald hatte er aber dieses Leben satt und fand sich wieder in seine literarische Arbeit ein. 1766 schrieb er „Minna von Barnhelm“. Danach konzentrierte er sich ganz auf die Mitarbeit an dem in Hamburg geplanten Nationaltheater. Aus dem Theater sollte eine Institution der nationalen Kultur gemacht werden. Bald war das Projekt aber finanziell und organisatorisch gescheitert.

Lessing wird Bibliothekar in Wolfenbüttel

Im September 1769 erhielt Lessing vom Braunschweiger Hof das Angebot, Bibliothekar an der berühmten herzoglichen Bibliothek in Wolfenbüttel zu werden. In dieser Zeit erschien „Emilia Galotti“, daneben veröffentlichte er aus dem Nachlass von Hermann Samuel Reimarus „Fragmente eines Ungenannten“, die ihn später mit dem Hamburger Hauptpastor Johann Melchior Goeze in heftige theologische Auseinandersetzungen verwickelte. Überhaupt befasste er sich intensiv mit theologischen Fragen: Es erschien „Die Erziehung des Menschengeschlechts“ und die gegen den orthodoxen Hamburger Hauptpastor gerichteten „Anti-Goeze-Schriften“, die auf das Recht der Vernunft pochten, die Religion einer prüfenden Kritik zu unterziehen. Als Fortsetzung dieser Ausei-andersetzung entstand 1778 das dramatische Gedicht „Nathan der


Inhaltsangabe

Nathan der Weise

Die Handlung spielt zur Zeit des Waffenstillstandes während des Dritten Kreuzzuges in Jerusalem. Als der Jude Nathan von einer Geschäftsreise zurückkommt, erfährt er, dass seine (Pflege-)Tochter Recha von einem christlichen Tempelherrn aus dem Feuer gerettet wurde. Dieser Tempelherr verdankt wiederum sein Leben der Begnadigung durch den muslimischen Herrscher Sultan Saladin. Er hatte ihn als Einzigen von zwanzig Gefangenen begnadigt, weil er des Sultans verstorbenen Bruder Assad ähnlich sah. Nathan überzeugt den Tempelherrn zu einem Besuch, um den Dank seiner Tochter entgegen zu nehmen.

Keine Religion hat absolute Wahrheit

Sultan Saladin hat Geldsorgen, deshalb plant er Nathan eine Fangfrage zu stellen und dessen Antwort zu nutzen, um Geld von ihm zu erpressen. Er fragt Nathan nach der „wahren Religion“. Dieser antwortet mit der Ringparabel. In diesem Gleichnis besitzt ein Mann ein wertvolles Familienerbstück: Einen Ring, der über die magische Eigenschaft verfügt, seinen Träger „vor Gott und den Menschen angenehm“ zu machen. Der Ring wurde über viele Generationen hinweg vom Vater auf den Sohn vererbt, und zwar stets an jenen, den der Vater am meisten liebte. Nun hat aber der Mann, von dem die Erzählung handelt, drei Söhne, die ihm alle gleichermaßen lieb sind, sodass er nicht weiß, wem von den dreien er den Ring hinterlassen soll. Schließlich behilft er sich, indem er von einem Goldschmied zwei weitere Ringe herstellen lässt, die beide dem ursprünglichen Ring identisch sind. Er hinterlässt jedem Sohn einen Ring, wobei er jedem versichert, sein Ring sei der echte. Nach dem Tode des Vaters ziehen die Söhne vor Gericht, um klären zu lassen welcher von den drei Ringen der echte sei. Der Richter aber ist außerstande dies zu ermitteln und verweist darauf in „tausend tausend Jahren“ wieder zu kommen, wenn ein Klügerer an seiner Stelle sitzt. Aber er erinnert die drei Männer daran, dass der echte Ring die Eigenschaft habe, den Träger bei allen anderen Menschen beliebt zu machen. Wenn aber dieser Effekt bei keinem der drei eingetreten sei, dann könne das wohl nur heißen, dass der echte Ring verloren gegangen sein muss. Jedenfalls solle ein jeder von ihnen trachten, die Liebe aller Mitmenschen zu verdienen. Wenn dies einem von ihnen gelinge, so sei er der Träger des echten Ringes. Tief von dieser Geschichte beeindruckt, bittet der Sultan Nathans Freund sein zu dürfen.

Verknüpfte Schicksale

Der Tempelherr hat sich unterdessen in Recha verliebt und möchte sie heiraten, obwohl sie die Tochter eines Juden ist. Als er herausfindet, dass Recha adoptiert ist und ihre leiblichen Eltern Christen waren, wendet er sich an den Patriarchen von Jerusalem. Dieser versucht daraufhin, Nathan eine Falle zu stellen. Am Ende stellt sich aber heraus, dass Recha und der Tempelherr Geschwister und die Kinder von Assad sind. Nathan, der kein leiblicher Verwandter ist, wird als Vater im Sinne der Seelenverwandtschaft anerkannt.


Interpretation

Gegen theologische Engstirnigkeit

Dem Werk „Nathan der Weisen“ ging der so genannte Fragmentenstreit voraus. Wie in der Biografie erwähnt, veröffentlichte er Teile der Schrift von Reimarus, die die Religion und Kirche angriffen. Auch er sah zwischen der Religion Christi und der christlichen Religion einen großen Unterschied, da die Kirche die Bibel vielseitig und nach ihren Gunsten interpretiere. Auf die Kritik reagierte vor allem der Hauptpastor Goeze äußerst scharf, woraufhin es zu den „Anti-Goeze-Schriften“ kam. Lessing wurde es bald verboten, weitere Schriften gegen Goeze zu publizieren. Um trotzdem den Diskurs über den alleinigen Wahrheitsanspruch der Kirche weiterführen zu können und den Menschen den Idealzustand der Welt zu zeigen, wandte Lessing sich wieder dem Theater zu, die er als seine „alte Kanzel“ bezeichnete. Nathan der Weise besteht aus fünf Akten, wurde 1779 veröffentlicht und am 14. April 1783 in Berlin uraufgeführt. Es ist in fünfhebigen jambischen Versen verfasst. Lessing sieht in dem utopischen Entwurf seines Stückes die „Lösung der Diskrepanzen zwischen den tatsächlichen, in Dissonanzen (Unstimmigkeiten) gefangenen Welt und dem von der Vorsehung geordneten Idealzustand“, nachdem im Grunde alle philosophischen Denkrichtungen der Menschen suchen.

Jerusalem: Schmelztiegel der Weltreligionen

Schon mit Bedacht wählt er den Ort des Schauspiels: Jerusalem, der Schmelztiegel der drei großen Weltreligionen. (Judentum, Christentum, Islam) Lessing wusste über die Zeit der Kreuzzüge sehr gut Bescheid, doch bildet die Historie nur den authentischen Rahmen. Chronologie und genaue geschichtliche Tatsachen opfert er zu Gunsten des literarischen Inhaltes. Die Namen der Figuren lassen sich leicht den drei großen Religionen zuordnen: Nathan (Judentum), Sultan (Islam) und Tempelherrn (Christentum). Die agierenden Personen im Stück und auch die Zuschauer sind stets gezwungen, über das dialektische Spiel zwischen Wunder und Natürlichkeit, Fügung und Zufall, Schicksal und Freiheit, Glaube und Vernunft nachzudenken.

Leitbild eines Humanisten

Der Jude Nathan wird zum souveränen Vertreter der humanen Haltung, die jenseits der religiösen Unterschiede die Gemeinsamkeit der Menschen erkennt und zu Toleranz findet. Er verkörpert das Idealbild des Menschen und handelt ganz nach den Vorstellungen der Aufklärung. Das wird vor allem deutlich, als er erörtert, dass seine Familie einem Judenpogrom zum Opfer gefallen ist. Er kommt in einen tiefen inneren Konflikt – jener Konflikt zwischen Vertrauen und Verachtung gegenüber dem sinnvollen Verlauf der Geschichte. Nathan löst diesen Konflikt mit Vernunft und Vertrauen: „Und doch ist Gott!“ Glaube überzeugt nur auf dem Grunde der Erfahrung des irdischen Leides und in der verzweifelten Gewissheit eines unbegreiflichen Gottes. So entschließt er sich, das Christenkind Recha als Ziehtochter aufzunehmen.

Der Mensch jenseits seiner Rolle

Im Laufe des Stückes gelingt es ihm dem Tempelherrn, der seine Tochter Recha rettete, von seinen Vorurteilen, seiner Überheblichkeit und seiner Intoleranz zu befreien. Im Gespräch zwischen Nathan und dem Tempelherrn stellt sich eine primäre Frage: Wenn alle Rollen-Attribute wegfallen – wie Sprache, Kleidung, Nationalität – kommt dann der Mensch zum Vorschein? Was ist der Mensch jenseits seiner Rolle? Und was ist Menschlichkeit? Das sind Fragen, die im Laufe der Handlung immer dringlicher werden, zumal drohende Konflikte eine Entscheidung herbei zwingen, die die Rollen-Verpflichtung aufheben und den Menschen frei machen zum Handeln als Mensch. Lessing stellt den „bloßen Menschen“ über den Christen, Juden oder Moslem. Durch Nathan und Recha überwindet der Tempelherr seine Engstirnigkeit. Schließlich möchte er Nathans Freund werden, verliebt sich in Recha und verweigert den Befehl des Patriarchen, den Sultan rücklings zu ermorden. Aber nicht nur der Tempelherr, sondern auch Sultan Saladin öffnet sich durch Nathan anderen Ansichten.

Die Ringparabel

Als der moslemische Sultan – um Geld von Nathan erpressen zu können – ihn fragt welche Religion die richtige sei, antwortet im Nathan mit einer Ringparabel. Dieses Gleichnis ist das zentrale Ereignis im Stück. Basierend auf der Geschichte von Boccaccio, hat Lessing diese stark ausgearbeitet und mit großer Symbolik aufgeladen: So steht der Ring mit dem Edelstein für das Licht und für die Wahrheit. Er hat die Kraft vor Gott und Menschen angenehm zu machen, wenn er in dieser Zuversicht getragen wird. Mit dem Wort Zuversicht wird angedeutet, dass nicht der Ring alleine zählt, sondern vielmehr der Glaube. Die Söhne streiten vor Gericht um den Ring, aber der echte Ring kann nicht mehr bewiesen werden. Ja, möglicherweise ist das Ganze sogar ein ausgemachter Betrug und keiner hat mehr den echten Ring. Der Richter beschließt, dass derjenige den echten Ring haben muss, der durch seine guten, mitmenschlichen Taten die Kraft des Ringes beweist. Damit erklärt Lessing, dass die Wahrheit niemals Besitz ist, sondern sich nur durch die Methode des Handelns beweist. Lessing stellt sich damit gegen alle positiven Religionen ist. Die drei Söhne sollen sich in „tausend tausend Jahren“ wieder zusammenfinden, dann wird ein Klügerer auf dem Richterstuhl sitzen. Damit wird die Offenbarung des idealen Reiches angekündigt, bis aber dies erreicht ist, soll der Mensch durch Erziehung auf dieses Ende ausgerichtet werden. In der Figur des Patriarchen – der dem Pastor Goeze ähnelt und der im Stück als schlechter und verwerflicher Charakter erscheint – wendet sich Lessing direkt gegen den erstarrten Dogmatismus der Kirche. Dieser glaubt Wahrheit als Dogma zu besitzen. Wenn aber Wahrheit nur in der kommunikativen Beziehung der Menschen zueinander, im Ringen der Menschen um Einsicht an den Tag tritt, so fällt auf, dass der Patriarch, als einzige Figur, mit niemandem ins Gespräch kommt und völlig isoliert ist.,Das Stück neigt sich dem Ende und in der glücklichen Schlussszene zeigt sich die Menschheit als große Familie. Das es zum guten Ende kommt, ist aber Werk der Vernunft.


Die Aufklärung

Eine Gesellschaft im Umbruch (1700-1770)

Begriffserklärung

Unter Aufklärung im allgemeinen Sinne versteht man eine Epoche im 16. bis 18. Jahrhundert, in der ein gesellschaftlicher Emanzipationsprozess stattfand. Dessen Ziel war es, traditionelle, auf Frömmigkeit beruhende, autoritäre Geisteshaltungen kritisch zu hinterfragen, um einer ernüchterten Kultur des Verstandes Vorschub zu leisten. Sie war geprägt durch eine Bewegung der Säkularisierung und eine Abkehr von der absolutistischen hin zu einer demokratischen Staatsauffassung und dem Konzept der Menschen- und Bürgerrechte. Kants Leitspruch: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ zielt auf den äußeren Widerstand gegen die Aufklärung, aber auch auf die innere Befreiung von der Bevormundung. Man forderte uneingeschränkte Gedanken- und Glaubensfreiheit und kämpfte gegen Dogmen der Kirche, Aberglauben und Vorurteile. Die Aufklärer wollten aber nicht nur Intellektuelle, sondern vielmehr auch die „niederen“ Volksschichten ansprechen. Der aufgeklärte Mensch sollte nicht mehr den Vorgaben der Obrigkeiten vertrauen, sondern aus „seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit“ (Immanuel Kant) ausbrechen und sein Leben selbstbestimmt in die Hand nehmen.

Geschichte

Die moderne europäische Aufklärung beginnt mit der Wiedergeburt des antiken Geistes, der Renaissance. Diese und die Reformation bilden das Vorspiel für die geistige Haltung der Aufklärung. Wichtige Voraussetzungen waren außerdem die neuen Entdeckungen in Übersee und das daraus entstandene neue Weltbild, die Papierherstellung und der Buchdruck. Damit wurde der Bucherwerb auch für das bürgerliche Publikum erschwinglich, ein Verlagswesen mit Zeitungsproduktion und Buchmarkt entstand. Mit der Zeit dieser Aufklärung ging ein naturwissenschaftlicher und technischer Erkenntnisfortschritt einher. Er beeinflusste auch stark die Bildung humanistischer Vorstellungen, denn auch die Ethik sollte rationalen Kriterien unterworfen werden. Aufgrund der strengen Zensur in Österreich wurden viele Werke in Deutschland gedruckt und nach Österreich geschmuggelt. Die Aufklärung war für die französischen Revolution nicht die einzige Ursache, doch sie hat die Revolution in vielen Aspekten geprägt: ihre Führer – radikale Anhänger der Aufklärung – schafften den Einfluss der Kirche ab und ordneten Kalender, Uhr, Maße, Geldsystem und Gesetze anhand von rein rationalen Kriterien neu. Die französische Revolution ist allerdings auch das Ende der Aufklärung. Die extreme Betonung von Ratio und Objektivität führte zur Gegenbewegung: Die Romantik betonte Individualität und subjektive Erfahrung. Für die Romantiker ist der Mensch ein Gefangener, wenn sich seine Werte und Regeln einzig nach Kriterien der Vernunft bestimmen.

Typische Merkmale der Aufklärung zusammengefasst

• Denkbewegungen auf allen Gebieten
• Kritisches Fragen, Denken und Zweifeln wird zur Tugend
• Bürger erlangen Selbstbewusstsein
• Empirismus
• Rationalismus
• Weisheit und Intellekt werden zur Tugend
• Tugend und ihre Förderung werden zum Hauptziel der Epoche
• Das „Gute“ und das „Vernünftige“ werden gleichgesetzt
• Natur statt offenbarter Religion
• Menschlicher Verstand als Instrument der Wahrnehmung
• Freiheit statt Absolutismus
• Gleichheit statt Ständeordnung
• Erfahrung und wissenschaftliche Erkenntnis statt Vorurteil und Aberglauben
• Toleranz statt Dogmatismus
• „Der Mensch ist von Natur aus gut, man muss es ihm nur zeigen.“

Berühmte Vertreter der Aufklärung

Viele Vertreter der Aufklärung waren Freimaurer oder standen der Freimaurerei nahe, ebenso wie Lessing. Wichtige Vertreter der Aufklärung waren:
• Johann Wolfgang von Goethe
• Johann Gottfried Herder
• David Hume
• Immanuel Kant
• Gotthold Ephraim Lessing
• John Locke
• Moses Mendelssohn
• Montesquieu
• Jean-Jacques Rousseau
• Voltaire


Literaturstreit

Gottsched vs. Lessing

Johann Christoph Gottsched setzte sich mit Strenge für eine Reform der Sprache, der Dichtkunst und besonders des Theaters ein. Gottsched verbannte alles Übernatürliche, alles Wunderbare und zugleich damit jedes leidenschaftliche Gefühl, weil Leidenschaft den zweckmäßigen Gebrauch der Vernunft ausschließt. Für ihn waren die so genannten drei Einheiten, die Einheit des Ortes, die Einheit der Zeit, die Einheit der Handlung, vorrangig. Gottsched hielt bei seiner Reform der Tragödie an der feudalen Ständeklausel fest: Nur Personen höchsten Standes durften in der Tragödie auftreten. Lessing stellte dem sein bürgerliches Theater gegenüber: Er lässt die Tragik aus der allgemeinen menschlichen Konfliktsituation entstehen. Er spielt die Wahrheit in der Charakterbezeichnung und die Erschütterung des Zuschauers gegen das höfische Repräsentationstheater aus. Seine Helden sollten sein wie die Zuschauer. Seine Leitbilder sind nicht die französischen Klassiker, sonder die antiken Tragiker und vor allem Shakespeare. Dieser beachtet weder Einheit des Ortes, der Zeit noch der Handlung.

 

Foto: Gotthold Ephraim Lessing (1767/1768). [Public domain], via Wikimedia Commons

Gerhart Hauptmann (1914), [Public Domain]

Gerhart Hauptmann (1914), [Public Domain]

Vor Sonnenuntergang von Gerhart Hauptmann ist ein Familiendrama und gekennzeichnet durch die Milieutheorie. Typisch für den Naturalismus wird hier die „Kehrseite“ des Menschen schonungslos gezeigt: Brutalität, Stumpfsinn, Lieblosigkeit und Gier. Doch im Unterschied zu den meisten anderen Werken des Naturalismus wird nicht die Arbeiterklasse, sondern das Großbürgertum dargestellt, wobei man erst bei näherer Betrachtung die tiefen Abgründe und die Tragödie entdeckt. Hauptmann beschäftigt sich dabei mit der Abnormität der Liebe zwischen einem alten, reichen Mann und einem jungen, naiven Mädchen. Die Liebe der Beiden verärgert die neidischen und selbstverliebten Erben, die zu den unredlichsten Mitteln greifen, um diese Liebe zu zerstören.

Erfolgreich als Geschäftsmann, unglücklich im Leben

Das Stück beginnt mit der 70. Geburtstagsfeier von Matthias Clausens. Nach dieser großen Feier, bei der er als Kommerzienrat geehrt worden war, kommt für Matthias die Ernüchterung. Seinem alten Freund Prof. Geiger erzählt er seine Sorgen. Vor allem in Erich Klamroth, Ottilies Mann und Direktor in den Clausenschen Betrieben, sieht Matthias einen von Macht und Geld besessenen Menschen. Seine Tochter Ottilie erkennt in ihrer Naivität aber nicht seinen wahren Charakter und ist ihm hörig. In weiterer Folge lernt Matthias die junge Inken Peters kennen. Sie verlieben sich ineinander. Damit beginnt die eigentliche Dramaturgie des Stückes.

Liebesbeziehung erregt Erben

Diese Liebe ist für die Erben von Matthias Clausen ein großer Schock, da sie um ihre Stellung und ihren Wohlstand fürchten. Inken versucht man zu bestechen und als das nichts hilft, folgen Drohbriefe. Laut den „rechtmäßigen Erben“ ist Inken Peters eine Erbschleicherin, die nur die Gutmütigkeit und Liebe von Matthias ausnützen will. So geben sie sich selbst, auf höchst heuchlerische Weise, besorgt um ihren Vater. Es kommt zudem zu Streitereien zwischen den Geschwistern und deren Ehepartnern. Jeder ist darum bedacht, den größten Gewinn aus den Betrieben des Vaters zu holen.

In den Tod getrieben

Die Situation spitzt sich zu, als der Verwandtschaft bewusst wird, dass sie es nicht geschafft haben Inken und Matthias zu entzweien und Matthias nun Inken als Erbin eingesetzt hat. Sie fürchten sich um ihre Position, wollen den Vater aber noch nicht verraten. Auch Professor Geiger, der alte Schulfreund von Matthias schlägt sich immer mehr auf die Seite der Verwandtschaft, der Druck auf das Liebespaar verstärkt sich, das jetzt schon vom ruhigen Leben in der Schweiz träumt. Schließlich schaffen die Kinder von Matthias es doch noch, Inken Peters zu vertreibe und Matthias verfällt in tiefe Depression. Dr. Steynitz, Hausarzt und bisher an sich Freund von Matthias überreicht ihm schließlich, im Auftrag der Kinder, einen Brief, der vor Gericht seine Unzurechnungsfähigkeit feststellen soll. Somit wollen sie seine Betriebe übernehmen und ihn loswerden. Matthias sieht daraufhin keinen Ausweg und bringt sich mit Zyankali um.

In diesem Artikel behandle ich die literarische Strömung der „Wiener Moderne“ und ihre zwei wichtigsten Protagonisten.

  1. Die Wiener Moderne
  2. Hugo von Hofmannsthal
  3. Arthur Schnitzler

Die Wiener Moderne

Der Naturalismus findet in der österreichischen Literatur kaum Widerhall. Den Dichtern widerstrebt die Darstellung des Hässlichen, des sozialen Elends und des Banal-Alltäglichen. Sie wenden sich der gehobenen Wiener Gesellschaft zu und gründen so eine neue Strömung. Schon um die Jahrhundertwende wurde die „Wiener Moderne“ häufig als Bezeichnung gebraucht. Es gibt aber auch andere Benennungen wie zum Beispiel: „Das junge Wien“, „Jugendstil“, „Dekadenzliteratur“, „Ästhetizismus“ und „Kaffeehausliteratur“, weil sich die Dichter in Kaffeehäusern zum Gedankenaustausch trafen.
Die Geschichten drehen sich hauptsächlich um und in Wien. Wien war bis zum Ende des Ersten Weltkrieges die Hauptstadt der K.u.K.-Monarchie und damit einer der wichtigsten Metropolen Europas. Doch die industrielle Revolution hat auch in der österreichisch-ungarischen Monarchie ein völlig neues Wirtschafts- und Sozialgefüge geschaffen. Diese Entwicklung wurde dazu noch von besonderen Problemen überlagert, die sich aus dem Zusammenleben vieler Völker ergaben. Nationale, wirtschaftliche und gesellschaftliche Spannungen führten zu Krisen. Der Zusammenhalt wurde vielfach nur durch die Symbolfigur Kaiser Franz Josephs I. und durch einen traditionsreichen Verwaltungsapparat gewahrt.

Gesellschaftlicher Wandel

In den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts vollzieht sich ein entscheidender Wandel in der Gesellschaft. Es werden Parteien gegründet, die in ihrem Programm die Interessen der Industriearbeiter verankern. 1888 wird die „Sozialdemokratischen Arbeiterpartei“ gegründet, federführend dabei Victor Adler. Interessensvereinigungen wie Gewerkschaften organisieren ihre ersten großen Zusammenkünfte. Die erste Welle der Sozialgesetzgebung bringt innerhalb weniger Jahrzehnte eine Arbeitszeitregelung, eine Unfall- und Krankenversicherung, ein Arbeitszeitgesetz für Jugendliche und grundlegende Gesetze zur Altersversorgung.

Die Monarchie liegt im Sterben

Wien ist aber auch das kulturelle Zentrum der Monarchie. Für die gehobene Wiener Gesellschaft sind vor allem der extravagante Lebensstil der Kaiserin Elisabeth und der Selbstmord des Kronprinzen Rudolf die wichtigsten Ereignisse. Und gerade diese Gesellschaftsschichte wird in der Literatur der Wiener Moderne dargestellt. Träger dieser Spätkultur sind das Großbürgertum und die Intellektuellen. Die Dichter sind sich aber dessen bewusst, in der Endphase der Monarchie zu leben. Gesellschaftliche Erneuerungen sind unmöglich geworden und sie sehen ihre Welt voll Wehmut und Melancholie. Daher sind grundlegende Motive der Dichtung dieser Zeit das komplizierte Innenleben, die Kommunikationslosigkeit, der Verfall und das Sterben. Großen Einfluss auf die Dichter hatte auch der Begründer der Psychoanalyse, der Wiener Arzt Sigmund Freud.

Hugo von Hofmannsthal

Hugo von Hofmannsthal

Hugo von Hofmannsthal

Eine der größten Dichter dieser Zeit war Hugo von Hofmannsthal. Er stammte aus gehobenem Haus und verbrachte fast sein ganzes Leben in Wien. Er wird als Sprachästhet gesehen, der aber auch Bildkraft und Musikalität gekonnt einsetzte. Motive seiner Dichtung sind vor allem das ambivalente Lebensgefühl, das Todesmotiv und das Welttheater. Ambivalent ist das Lebensgefühl des Menschen, weil sie die Schönheit der Welt genießen möchten, doch lähmt das Bewusstsein von der Bedrohung durch den Tod den Lebensgenuss. Das Todesmotiv beschäftigte Hofmannsthal, weil der Mensch die Hoffnung hat, im Moment des Todes den wahren Sinn des Lebens zu erkennen. Das Welttheater symbolisiert den Menschen in seinem „Rollendasein“, welches ihm bis zu seinem Ende schicksalhaft gefangen hält. Um die Jahrhundertwende geschieht ein Wandel in der Dichtung Hugo von Hofmannsthals. Die Erkenntnis, dass er nicht den Sinn des Lebens deuten und nicht mitteilen kann, führt in zu einer dichterischen Krise. Er wendete sich nun ganz denjenigen literarischen Formen zu, mit denen er glaubte, das Publikum stärker beeindrucken zu können: dem Drama und der Erzählung.

Arthur Schnitzler

Arthur Schnitzler

Arthur Schnitzler, 1912 [Public Domain]

Als Sohn eines bekannten Wiener Arztes übte Schnitzler selbst einige Jahre diesen Beruf aus. Später zieht er sich jedoch ins Privatleben zurück, um sich ganz der Dichtung zu widmen. Schnitzler ist als Dramatiker und als Erzähler bedeutend. Seine Stücke spielen fast ohne Ausnahme im Wien der Jahre 1890-1914. Die Figuren entstammen der höheren Gesellschaft. Wie bei Hofmannsthal ist bei Schnitzler die Welt eine Bühne, auf der die Figuren eine Rolle spielen. Neu an der Dichtung Schnitzlers ist allerdings die psychologische Durchdringung der Figuren. Sexualität und Todesfurcht, sowie deren Verdrängung bilden die Grundformen der Werke Arthur Schnitzlers. Dazu werden die Figuren meist in eine außergewöhnliche Situation versetzt. Erotik, Ehrgeiz, Zwiespältigkeit, Altern und Tod erscheinen in verschiedenen Variationen. Um die Figuren bestmöglich zu charakterisieren bedient sich Schnitzler der Technik des inneren Monologs. Damit kann er die Gedanken, Gefühle, Wünsche der Figuren in einer nicht voll ausgeformten Sprache wiedergeben und dabei durch Erinnerungen und flüchtige Assoziationen die Triebfedern ihres Handelns und Denkens aufdecken.

Die Verwandlung von Franz Kafka

Die Verwandlung von Franz Kafka. [public domain]

Franz Kafka wurde 1883 in Prag geboren und war ein „Literatur-Besessener“. Seine Werke rühren aber meistens von seinem seelischen Notstand her. Er schrieb sich alles von der Seele. Auch „Die Verwandlung“ bildet da keine Ausnahme. In dieser Erzählung finden wir viele Ansätze die auf Parallelen Gregor Samsas mit Franz Kafka hinweisen. Kafka selbst bestätigte, dass seine Heldenfigur oft Ähnlichkeiten mit ihm aufweise, doch bei Georg Samsa sei das anders. Doch die Erzählung widerspiegelt klar die Gefühlswelt von Kafka. Schon der erste Satz führt uns in eine völlig irrationale Welt: „Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt.“ Solch ein Ungeziefer kann in der bürgerlichen Welt der Familie Gregor Samsas nicht überleben und muss zwangsläufig ein Leben als Einzelgänger fristen. Genauso misslang es Kafka sich in die bürgerliche Welt zu integrieren. Er hatte ein Leben lang ein gestörtes Verhältnis zu Frauen und entwickelte sich ebenfalls zum Einzelgänger. Kafka gehörte zur deutschsprachigen, jüdischen Minderheit in Prag. Er fühlte sich of allein gelassen und von seinen Mitmenschen missverstanden. Sehr deutlich wird das im Werk, als Georg Samsa versucht dem Prokuristen seine Lage zu erklären, um einen Rauswurf zu verhindern, aber er bringt nur unverständliche Wörter hervor. Damit ist er verurteilt die Menschen zwar zu hören, doch hat er keine Mittel seine Gefühle auszudrücken.

Schwierige Vater-Sohn-Beziehung

In der Erzählung gibt es aber neben Gregor Samsa noch eine Figur die uns aufmerksam werden lässt, nämlich die Figur des Vaters. Dieser zeichnet sich in der Novelle vor allem durch seine Brutalität gegenüber Gregor aus. So verletzt er ihn schwer, als er Gregor in sein Zimmer zurückdrängen will: „(…) Unerbittlich drängte der Vater und stieß Zischlaute aus, wie ein Wilder. (…) und so begann er unter unaufhörlichen ängstlichen Seitenblicken nach dem Vater, sich nach Möglichkeit rasch, in Wirklichkeit doch nur sehr langsam umzudrehen.“ Die beklemmende und fast unerträgliche Spannung ist leicht nachempfinden. Nicht anders ist es hier Kafka mit seinem Vater ergangen. Denn auch er musste sein Leben lang unter der Bevormundung seines tyrannischen und engstirnigen Vaters leiden, der nie Verständnis für Kafka zeigte und immer unzufrieden mit ihm war. So zerstörte er kontinuierlich das Leben Kafkas und behinderte seine Entwicklung massiv. In einem Brief an seinen Vater schrieb Kafka: „Unverständlich war mir immer deine vollständige Empfindungslosigkeit dafür, was für Leid und Schande du mit deinen Worten und Urteilen mir zufügen konntest.“ Im Werk wird die Kaltblütigkeit des Vaters auch damit demonstriert, dass er Gregor nicht ein einziges Mal in seinem Zimmer besucht und ihn schließlich sogar mit Äpfeln beschießt.

Sinnloses Leben

Und es gibt noch einen autobiografischen Aspekt: Nach der Verwandlung Gregors wandelt sich seine Familie zum Besseren. Die finanzielle Hilfe vor der Verwandlung stellt sich im Nachhinein als kontraproduktiv heraus. Erst in der Not sind die Familienmitglieder gezwungen Verantwortung zu übernehmen und entwickeln sich dadurch weiter. Gregor Samsas Leben erscheint dadurch sinnlos, ja sogar nutzlos. Er muss „fortgeschafft werden“.

William Shakespeare ist einer der berühmtesten Schriftsteller aller Zeiten. Weniger bekannt ist dagegen seine Tragödie Julius Caesar. Deshalb möchte ich hier eine Analyse dieses äußerst spannenden Werkes geben und gleich auf sein Leben und die Geschichte des englischen Theaters eingehen.

  1. Über das Leben von William Shakespeare
  2. Seine Werke
  3. Julius Caesar – eine tragische Geschichte
  4. Das Elisabethinische Theater
  5. Die Epoche der Renaissance
  6. Der historische Caesar

Der Autor: William Shakespeare

William Shakespeare wurde am 23. April 1564 in Stratford-upon-Avon geboren und starb am 23. April 1616. Im Alter von sieben Jahren wurde er wahrscheinlich in die Grammer School der Gemeinde geschickt. Schon früh lernte Shakespeare das Theater kennen, da zu dieser Zeit Komödiantentruppen durch das Land zogen und ihre Stücke präsentierten. 1592 machte sich Shakespeare im Theater erstmals einen Namen und erlangte durch sein finanzielles Geschick großen Wohlstand. So war er Miteigentümer am berühmten „Globe Theatre“ in London, in dem auch die meisten seiner Stücke aufgeführt wurden. Shakespeare revolutionierte das Theater und führte erstmals eine neue Art des Dramas ein. Während in der antiken Tragödie der Mensch am auferlegten Schicksal zerbricht, trägt er bei Shakespeare den Konflikt in seinem Inneren aus und scheitert am Gegensatz von Verstand und Leidenschaft. Neu ist auch die realistische, individualisierende Darstellung des Menschen. Bei Shakespeare finden verschiedene Stilmischungen Einzug. So fügte der Engländer in die Tragödien komische Szenen ein, wechselte zwischen hohen Staatsaktionen und handfesten Volksszenen, verwendete Vers und Prosa in einem Stück. Shakespeare beachtete weder die Einheit der Zeit noch die des Ortes. Seine dramatischen Handlungen umfassen oft Jahre und Jahrzehnte und die Schauplätze wechseln in rascher Folge, weil die Shakespearebühne keine Kulissen kannte. So wurden seine Dramen, Tragödien und Komödien bereits zu seinen Lebzeiten hoch geschätzt; im 18. Jahrhundert begeisterten sich Lessing, Herder und Goethe dafür.

Auswahl seiner Werke

Schaffensperiode: Verwechslungskomödien, Sonette

– 1590 King Henry VI
– 1591 King Richard III
– 1592 Titus Andronicus

Schaffensperiode: romantische Komödien, Sonette

– 1594 Romeo and Juliet
– 1595 A Midsummer-Night’s Dream
– 1597 King Henry IV

Schaffensperiode: Tragödien, dunkle Komödien

– 1598 Troilus and Cressida
– 1599 Julius Caesar

Schaffensperiode: Romanzen

– 1600 Hamlet
– 1604 King Lear

Eine Tragödie: Julius Caesar

Inhaltsangabe

1 AKT: Caesar wird nach seinem Sieg über Pompejus vom Volk stürmisch gefeiert, während er sich zur Ratssitzung auf das Capitol begibt. Ein Wahrsager warnt ihn vor den „Iden des März“ (Monatsmitte), aber Caesar will keine Furcht zeigen. Ungern sehen die Mächtigen Roms den Triumph Caesars. Insbesondere der ehrgeizige Cassius kann es nicht ertragen, Caesar über sich zu sehen, und versucht Brutus in eine Verschwörung gegen den Triumphator einzubeziehen. Dieser schwankt. Zwar liebt er Caesar, sieht aber in dessen wachsender Macht eine Gefahr für die Republik. Auf dem Capitol bietet Marc Anton dem Caesar dreimal die Krone an. Caesar weist sie dreimal zurück, ist aber verärgert, dass das Volk diese Zurückweisung mit Begeisterung aufnimmt. Insgeheim hatte er gehofft, er könne sich zur Annahme „zwingen“ lassen. Währenddessen machen die Verschwörer gegen Caesar Stimmung. Sie wissen aber, erst wenn sie den überall geachteten Brutus für ihre Sache gewinnen, werden sie Erfolg haben.

2. AKT: Brutus wägt und überlegt. Da wird ihm ein geheimnisvoller Zettel gebracht, auf dem ein Beispiel aus Roms Kampf gegen einen früheren Tyrannen berichtet wird. „Brutus, du schläfst. Erwache!“, heißt es da. Die Verschwörer mit Cassius an der Spitze finden Brutus nun endlich bereit, die Führung zu übernehmen. Er will aber nur Caesar töten, dessen Anhänger dürfe nichts geschehen. Caesars Gemahlin Calpurnia hat üble Vorzeichen erträumt und fleht ihn an, nicht das Haus zu verlassen. Endlich gibt er lächelnd nach. Doch als ein Abgesandter mit der Nachricht erscheint, der Senat werde ihn heute krönen, geht Caesar doch in die Senatssitzung.

3. AKT: Unterwegs wird Caesar abermals gewarnt, doch er hört nicht auf die Unheil verkündenden Stimmen. Im Senat angelangt, überreicht man ihm als Vorwand eine Bittschrift. Als Caesar diese ablehnt, entblößen die Verschwörer ihre Dolche und erstechen ihn. Wie von Brutus befohlen, werden Caesars Anhänger verschont. Sein Günstling Marc Anton erhält sogar das Recht, bei der Leichenfeier Caesars zu sprechen, falls er nichts wider die Verschwörer sage. Cassius warnt vergeblich vor dieser Rede. Brutus erklärt am romischen Forum, Caesar habe für die Freiheit des Volkes fallen müssen. Alle jubeln ihm zu. Als Brutus sich entfernt, ergreift Marc Anton das Wort. Seine Rede ist ein Meisterwerk. Nicht preisen wolle er Caesar, doch er erinnert geschickt an die Wohltaten von Caesar. Er wühlt den Zorn des Volk auf, bis sein ständig wiederholtes „Doch Brutus ist ein ehrenwerter Mann“ zu hetzendem Hohn wird. Das Volk jubelt ihm noch lauter zu als zuvor Brutus und zerstreut sich, um den Tod Caesars zu rächen.

4. AKT: Die Verschwörer sind vertrieben und in Rom herrschen drei Männer: Marc Anton, Octavius und Lepidus. Mit kleinen Mitteln suchen sie ihre Herrschaft zu festigen. Inzwischen rüsten Brutus und Cassius Heere gegen Rom. Zwischen dem edlen Brutus und dem eigennützigen Cassius kommt es zu Streitigkeiten, die nur schwer beigelegt werden können. Brutus, tief getroffen durch den Selbstmord seiner Frau, die seine Flucht nicht überleben wollte, ist von Ahnungen geplagt. Derweilen ziehen Marc Anton und Octavius mit einem römischen Heer nach Philippi. Im Traum erscheint Brutus der Geist von Caesar und treibt ihn mit „Bei Philippi sehen wir uns wieder“ in den Kampf.

5. AKT: Als es zur Schlacht zwischen den feindlichen Heeren kommt, wird Cassius von Marc Anton geschlagen und Cassius lässt sich von seinem Diener töten. Brutus, der sich auf seinem Flügel behaupten konnte, beginnt erneut, den Kampf gegen Marc Anton und Octavius, wird aber schließlich besiegt und stürzt sich in sein Schwert. Mit allen Ehren soll er von den Siegern bestattet werden. Denn wie Marc Anton sagt: „nur er verband aus reinem Biedersinn und zum gemeinen Wohl sich mit den andern“. Die anderen Verschwörer hätten nur aus Missgunst gegen Caesar gehandelt.

Interpretation

Den Plan eine Tragödie über Caesar zu schreiben, dürfte Shakespeare schon während der Abfassung von „Heinrich V“ gefasst haben. Ihn reizte vor allem die Dramatik um den Tod des erfolgreichen Feldherren unter dem Standbild seines früheren Feindes Pompejus. Shakespeare setzt in diesem Werk eine raffinierte Charakterisierungstechnik ein, die dem Zuschauer nicht erlaubt, seine Sympathien und Antipathien auf eine bestimmte Person zu fixieren. So stirbt der Titelheld zwar schon im 3. Akt, bleibt aber bis zum Schluss geistig präsent. Die wechselnde Beleuchtung der Charaktere und Ereignisse ist das hervorstechende Merkmal des Werkes. Die einleitenden Szenen verdeutlichen den Ausgangspunkt: Das Unbehagen der um die Freiheit Roms besorgten Republikaner angesichts der Machtstellung Caesars. Das Drama macht klar, das Caesar auf die eine, Brutus auf die andere Art der „Held“ sind. So zeigt der erste Teil zwar Caesar auf dem Gipfel der Macht, lässt aber Brutus‘ Charakter ebenfalls in hellstem Licht erscheinen. Brutus ist das Muster der republikanischen Tugend: freiheitsliebend, ehrenhaft, ein Stoiker und Idealist, dessen Handeln nicht von privaten Gefühlen und Eigeninteresse bestimmt wird. Seine Besonnenheit und Selbstlosigkeit werden effektvoll mit der hitzigen Verwegenheit und dem Ehrgeiz des Cassius verglichen, den sein Geltungsbedürfnis zur Opposition gegen Caesar treibt. Brutus, der zwischen seiner politischen Überzeugung und der persönlichen Freundschaft zu Caesar zu wählen hat, steht als Einziger vor einem wahrhaft tragischen Konflikt. Der Blick auf die Schattenseiten von Brutus wie Selbstgerechtigkeit, Mangel an Einfühlungsvermögen und damit an Menschenkenntnis, wird noch verstellt von Sympathie heischenden Aspekten. Der Blick auf Caesar wechselt dagegen auf irritierende Weise. Caesars wirkt arrogant und hat klare physische Schwächen. Er ist Epileptiker und auf einem Ohr taub. Auf der anderen Seite liebt ihn das Volk. Sein Mut, seine Rücksicht auf Calpurnias Gefühle, die arglose Freundschaftlichkeit, mit der er den Verschwörern begegnet, nehmen für ihn ein. Doch der Starrsinn, mit dem er im Senat das Gesuch einen Verbannten zu begnadigen zurückweist, lässt wieder Sympathie für die Verschwörer aufkeimen. Doch der schändliche Mord und die tiefe Trauer Caesars das selbst sein guter Freund Brutus zu den Verschwörern zählt, lässt wieder einen Stimmungsumschwung herbeiführen. Die politische Frage tritt in den Hintergrund, was zählt ist schlussendlich die Beziehung der Freunde. Nichts kann das Geschehene rechfertigen, dem Mitmenschen sind Vorrang vor allen noch so hohen politischen Prinzipien zu geben. Die Folge der Tat sind Aufruhr, Gewaltakte und Bürgerkrieg und zeigen, dass der Mord nicht zum Wohl der Republik war. Die anschließenden Reden vor dem Volk bringen die Wende. Der erfahrungsblinde Idealist Brutus versucht das Volk mit Vernunftgründen zu überzeugen und erlaubt in seiner Gutgläubigkeit, nach ihm Antonius reden zu lassen. Antonius vollbringt eine rhetorische Glanzleistung, die Gefühl, Ironie und Schmeichelei beinhaltet und schließlich in der Verherrlichung Caesars gipfelt. Marc Anton, bisher ein Lebemann, zeigt sich jetzt schlau, kühn und hochintelligent. Sein Schmerz über Caesars Tod ist echt, aber er berechnet seine Möglichkeiten auch äußerst nüchtern. Die Zuschauer können ihn gegenüber aber keine echte Sympathie aufbauen, denn er opfert allzu leicht Menschen für seine Ziele und zeigt sich machthungrig. Schlussendlich siegt Marc Anton über die Verschwörer. Dem toten Brutus bleibt zumindest die Anerkennung, nicht aus Gier den Mord begangen zu haben.

Theaterform des Elisabethanisches Drama im 16. Jahrhundert

Shakespeare, seine Person und sein dramatisches Werk sind nur im engsten Zusammenhang mit der Blüte des elisabethanischen Dramas und Theaters, an der Wende von der Renaissance zum Barock zu begreifen. In England ist nach der Konsolidierung der Monarchie unter den Tudors ein nationales Selbstbewusstsein entstanden. Damit einher geht die reformatorische Loslösung des Landes von der katholischen Kirche und die Überwindung von militärisch-politischen Bedrohungen. Zu diesem gestärkten Nationalbewusstsein trat ein materieller Wohlstand für breite Bürgerschichten hinzu.

Historical Plays

Das elisabethanische Drama basiert zudem auf einer weit zurückreichenden, differenzierten dramatischen Spieltradition in Großbritannien. Neben dem mittelalterlichen geistlichen Spiel, sind vor allem die spätmittelalterlichen profanen Spielgattungen hervorzuheben, die mit geistigem Gehalt wie mit dramaturgischen Formelementen und ihrem Figurenapparat dem elisabethanischen Drama wesentliche Züge geben. Die Gattung der „Hiestories“ oder „Historical Plays“ hatte im England des 16. Jahrhunderts Tradition, bevor sie in den neunziger Jahren vor allem von Shakespeare selbst zu einer kurzen Blüte geführt wurde und nach 1600 ganz in der Gattung der hohen elisabethanischen Tragödie aufging. Grundlage für das Aufkommen und die eine zeitlang andauernde Beliebtheit der Gattung war das im erstarkten Nationalbewusstsein gegründete Interesse an der englischen Geschichte. Chroniken und Geschichtswerke des 16. Jahrhunderts, aus dem gleichen Impuls zur Verherrlichung der Tudor-Dynastie entstanden, bildeten die unmittelbaren Quellen dieser „Historical Plays“. Die entsprach noch ganz der unkomplizierten Handlungsstruktur der mittelalterlichen Mysterienspiele entsprach. Die Darstellung des Themas hatte ein moralisierend didaktisches Anliegen im Auge. Vorgeführt werden sollten Musterfälle für gutes oder verwerfliches herrscherliches Verhalten. Die „Histories“ gewannen so den Charakter eines zeitbezogenen politischen Lehrstückes. Gegenüber dem „Historical Play“ war die elisabethanische Tragödie kaum durch eine besondere Gattungstradition vorbereitet. Sie entwickelte sich nach kurzfristigen aber durchaus wirkungsvollen Ansätzen in kürzester Zeit unter Shakespeare zu einer Höchstform elisabethanischer Dramatik. Zunächst formt sie sich als eigene Gattung unmittelbar nach dem Vorbild der römischen Tragödien Senecas. Charakteristisch sind dabei die dramatischen Grundsituationen, nach denen die Dramenfiguren immer wieder in ungeheuerliche Grenzsituationen menschlicher Existenz versetzt erscheinen, immer wieder finden sie sich den unglaublichsten Verbrechen, Gräueltaten und grausamsten Racheakten ausge-setzt. Dem Rachemotiv hinzugefügt werden weitere publikumswirksame Motive wie romantische Liebe und Spannung fördernde Intrigen, so dass ein wechselhaftes Handlungsgefüge entsteht, über dem sich durch Vorausdeutungen und unheilschwere Ruhemomente eine düstere, niederdrückende Ge-samtstimmung ausbreitet.
Die Gattung der elisabethanischen Tragödie wird von Shakespeare in ganz kurzer Zeit bei entscheidender Umformung der handelnden Charaktere und einer deutlichen Vertiefung des tragischen Gehalts zu einer Höhe der Vollendung geführt. Dabei werden von ihm vorher gefundene Ausbildungen des Gattungstyps, nach dem antiken Muster Senecas sowie der von Christopher Marlowe geschaffene tragische Heldentyp des skrupellosen, leidenschaftlichen Übermenschen, durchaus aufgenommen und weitergeführt. Insgesamt ist für Shakespeares Tragödien keine einfache und einheitliche Deutungsformel zur Hand. Seine Lebenseinsicht, sein Menschenbild und auch sein dichterisches Gestaltungsvermögen verändern sich im Laufe der Jahre, werden vielschichtig und tiefgründiger.

Shakespears Römerdramen

Die Reihe der großen Tragödien beginnt 1599 mit Julius Caesar, dem später noch aus der gleichen antiken Zeit „Antonius und Cleopatra“ sowie „Coriolan“ folgen. Diese werden in der Shakespeare-Forschung oft als eigene Gruppe der „Römerdramen“ innerhalb des gesamten Tragödienwerks zusammengefasst. Abgesehen vom Stoff nehmen sie auch insofern eine Sonderstellung ein, als in ihnen weniger ein tragisches Einzelschicksal im Mittelpunkt steht und mehr der tragische Untergang der historischen Helden. Daran knüpft letztlich die Frage des richtigen politischen Verhaltens. So gesehen, stehen Shakespeares „Römerdramen“ bis zu einem gewissen Grad zwischen seinen „Historical Plays“ und den großen späteren Tragödien.

Shakespeares tragische Helden geraten immer wieder in die Abhängigkeit von bestimmten Mächten, die sie bei aller Kraft- und Willensaufwendung nicht mehr zu beherrschen imstande sind. Der Handlungsausgang des Dramas bekommt auf diese Weise etwas Unbestimmtes, ein gutes wie ein schlechtes Ende, beides erscheint zunächst grundsätzlich möglich. Das persönliche Streben des Helden aber, sein Wille, ist dabei letztlich macht- und wirkungslos. Alle tragischen Helden scheitern schließlich, auch wenn die Unausweichlichkeit des Untergangs im Laufe der Handlung zeitweilig als fraglich erscheint. Die positive Wendung an diesem negativen Ende des dramatischen Geschehens liegt in der gewonnenen Einsicht des scheiternden Helden in seiner schicksalhaften Abhängigkeit von einer übergeordneten, stärkeren Macht, die er zunächst verkannt und die ihn damit hat schuldig werden lassen. In dem Ausgeliefertsein des Tragödienhelden an übergeordnete Mächte kommt ein Menschenbild bei Shakespeare zum Vorschein, das sich auf die Einsicht in die Fragwürdigkeit und Widersprüchlichkeit des Lebens insgesamt gründet. Doch erwächst aus dieser Einsicht durch den scheiternden Helden wiederum die Erkenntnis, von einer noch tiefer und fester als das Leben gegründeten unerschütterlichen, ewigen kosmischen Ordnung.

Prosa und Blankvers

Auch im späten 16. und beginnenden 17. Jahrhundert war das Berufstheater die unerlässliche Basis für den Fortbestand und die hohe Blüte der elisabethanischen Dramenliteratur. Die Dramen der Elisabethaner wurden oft als Auftragsarbeiten der Schauspielgruppen unmittelbar für die Bühnenpraxis verfasst. So bestimmten die Schauspieler die Dramenproduktion, nicht umgekehrt die Dramatiker den Theaterbetrieb. Das elisabethanische Drama, auch das dichterische Werk Shakespeares, bestimmt sich in erster Linie als Gebrauchsliteratur zum Zweck der Theateraufführungen, nicht als eigenständig für sich bestehende Kunstliteratur. Das elisabethanische Theater war in erster Linie ein Theater der hoch entwickelten Rhetorik und Deklamation auf der Grundlage einer kraftvoll und ausdrucksreich entwickelten kunstvollen Dramensprache, in höchster Vollendung bei Marlowe und Shakespeare. Im Julius Caesar benützt William Shakespeare vor allem als Stilmittel Prosa und Blankvers. So ist zetwa die Rede des Brutus in Prosa geschrieben, die des Antonius in Blankvers. Der Blankvers ist eine reimlose Verszeile aus fünf Jamben. Jambus bezeichnet einen antiken Versfuß aus einer kurzen und einer langen Silbe. Die unbetonte Silbe nach der letzten Hebung kann auch entfallen. Der in England entstandene Blankvers ist weniger ein Lyrik- als vielmehr ein Dramenvers.

Renaissance: Wiedergeburt der Antike (1450-1600)

Das französische Wort Renaissance bedeutet Wiedergeburt. Bezogen auf seinen Ursprung ist damit die „kulturelle Wiedergeburt der Antike“ gemeint. Der Begriff bezeichnet den Aufbruch einer Epoche aus dem Mittelalter. Die Epoche der Renaissance wird deshalb so bezeichnet, weil in jener Zeit die Ideale der Antike verherrlicht wurden. Diese Wiedergeburt des antiken Geistes schlug sich besonders in den Künsten und ihren neuen, als fortschrittlich empfundenen Prinzipien nieder. Die Renaissance überwindet das mittelalterliche Welt- und Menschenbild und die überkommene Staats- und Gesellschaftsordnung. An die Stelle des Autoritätsglaubens tritt der Geist kritischer Forschung: der Mensch wird zum Maß aller Dinge und die Staatsraison zum Prinzip der Politik. Die italienischen Fürstenhöfe – besonders das Florenz der Medici – sind beispielhaft für Europa. In dieser Zeit haben Grammatik, Dichtung, Geschichte, Rhetorik und Dialektik durch Erklärungen, Anmerkungen, Korrekturen und unzählige Übersetzungen Glanz erhalten. Der Renaissance voraus ging die kunstgeschichtliche Epoche der Gotik und ihr folgte das Barock. Neben der lateinischen Dichtung der Humanisten entwickelt sich in Deutschland ein reiches literarisches Leben. Durch den Buchdruck wird Literatur rasch zum Gemeingut aller Gebildeten.

Weltverständnis

Renaissance, Humanismus und Reformation erwachsen aus der Sehnsucht des Menschen nach geistiger und religiöser Erneuerung. Sie greifen gleichermaßen auf die antiken Quellen zurück: Die Renaissance orientiert sich an der römischen Kunst, der Humanismus erweckt die antiken Philosophen, Historiker und Dichter zu neuem Leben, die Reformation macht die Bibelübersetzung nach dem griechischen und hebräischen Urtext verbindlich.
Textformen und Gattungen
Die Literatur des ausgehenden Mittelalters und der beginnenden Neuzeit ist fast ausschließlich eine Literatur des Stadtbürgertums. Die Bürger, die durch Handel und Gewerbefleiß wohlhabend werden und innerhalb ihrer mauerbewehrten Städte gotische Dome und Rathäuser bauen, drängen auch in der Literatur nach eigenen Ausdrucksformen. Die Unsicherheit des Lebensgefühls dieser Epoche spiegelt sich in einer Vielfalt der Literaturgattungen. Minnesang und höfische Spruchdichtung finden im zunftmäßig organisierten Meistersang ihre Nachahmung. Aus den Ritterepen entwickeln sich die Volksbücher, womit unterhaltende Prosaerzählungen gemeint sind. Schwanksammlungen und Fastnachtsspiele dienen ebenfalls der Unterhaltung. Eine reichhaltige satirische Literatur geißelt die Missstände der Zeit und die Torheit der Menschen.

Der historische Cäsar: Genie mit Hang zur absoluten Macht

Gaius Julius Caesar wurde am 13. Juli 100 v. Chr. geboren und starb am 15. März 44 v. Chr. in Rom. Durch seine Heirat und Verwandte verschaffte sich Caesar, der aus dem römischen Adel stammte, Zugang zur hohen Politik. Dabei geriet er aber in Opposition zur Diktatur Sullas. So musste er Rom verlassen und gewann im Ausland seine ersten Schlachten. Nach Sullas Tod kehrte er nach Rom zurück und macht sich in Spanien einen Ruf als fähiger Feldherr. Durch das Erste Triumvirat (Dreimännerherrschaft) mit Marcus Licinius Crassus und Gnaeus Pompejus Magnus gelang es ihm Konsul zu werden. Später wurde er Prokonsul in Gallien und eroberte in dieser Position das gesamte freie Keltenland. Durch seine Siege und seine reiche Beute wurde Caesar zum mächtigsten Mann in Rom. Im Jahr 53 v. Chr. war Crassus auf einem Feldzug gegen die Parther ums Leben gekommen. Gleichzeitig hatte sich Pompejus dem Senat angenähert, da ihm sein einstiger Partner Caesar zu mächtig geworden war.

Caesar besiegt Pompejus

In Folge kam es zum Krieg zwischen Caesar und Pompejus. Ohne auf nennenswerten Widerstand zu stoßen, erreichte Caesar Rom, während Pompejus und große Teile des Senats nach Griechenland flohen. Im Jahr 48 wurde Caesar vom willfährigen Rest des Senats erneut zum Konsul gewählt und zog daraufhin gegen Pompejus aus, den er in der Schlacht bei Pharsalos in Griechenland schlug. Pompejus floh nach Ägypten, wo er schließlich ermordet wurde. Caesar folgte ihm und begegnete in Alexandria der jungen Königin Kleopatra. Es folgten noch zwei weitere Feldzüge: Caesar besiegte dabei sowohl republikanische Senatstruppen unter Metellus Scipio und Cato dem Jüngeren als auch die Söhne des Pompejus. Schon nach seiner Rückkehr aus Ägypten im Jahre 46 v. Chr. hatte Caesar sich zum Diktator auf 10 Jahre ernennen lassen. Nach seinem letzten militärischen Erfolg in Spanien wurde er vom Senat zum Diktator auf Lebenszeit ernannt. Insbesondere dieser letzte, nicht verfassungskonforme Titel, erweckte den Verdacht, dass Caesar nach der Königswürde strebe. Das ihm von Antonius angebotene Diadem und den Königstitel lehnte er jedoch ab. Caesar führte aber auch viele Reformen durch, die unter anderem für die Romanisierung in Westeuropa sorgten. Ein neuer Feldzug gegen die Parther sollte seinen Ruhm festigen, doch an den Iden des März 44 v. Chr. wurde Caesar im Saal des Pompejustheaters ermordet.

Augustus thront sich zum Kaiser

Nach dem Tod Caesars folgten weitere Bürgerkriege, die bis zum Jahr 31 v. Chr. dauern sollten. Zunächst besiegten Marcus Antonius (Caesars Mitconsul 44 v. Chr.) und Caesars Großneffe und testamentarischer Adoptivsohn Octavian die Verschwörer und bildeten mit dem General Marcus Aemilius Lepidus das 2. Triumvirat. Anschließend schaltete Octavian seine Mitstreiter als Konkurrenten um die Macht aus und war ab 31 v. Chr. Alleinherrscher in Rom. Unter dem Ehrennamen Augustus, der Erhabene, der ihm vom Senat verliehen wurde, begründete er das Römische Kaiserreich und trug die Römische Republik endgültig zu Grabe.

Theodor Fontane von Carl Breitbach (1833–1904) (zeno.org) [Public domain], via Wikimedia Commons

By Carl Breitbach (1833–1904) (zeno.org) [Public domain], via Wikimedia Commons

Dem Roman „Effi Briest“ von Theodor Fontane liegt eine wahre Begebenheit zu Grunde. Elisabeth (geboren Freiin von Plotho) heiratete – aufgrund einer Intervention der Mutter – Armand Léon Baron von Ardenne. Das junge Ehepaar übersiedelte nach Düsseldorf, der Ehemann war dort als Rittmeister der Husaren angestellt. Sie hatten einen großen Freundeskreis, dazu zählt auch der Amtsrichter Hartwich. Elisabeth und Hartwich gingen eine Liebesaffäre ein, beide wollten sich von ihren Ehepartnern scheiden. Doch ihr Ehemann erfuhr von der Affäre, besorgte sich die Korrespondenz des Liebespaares, reicht die Scheidungsklage ein und forderte seinen alten Freund zum Duell auf. Hartwich starb aufgrund seiner Verletzungen wenige Tage nach dem Duell. Baron von Ardenne wurde sehr mild bestraft und konnte bald seine militärische Karriere fortführen. Elisabeth durfte hingegen ihre Kinder nicht mehr sehen und setzte sich bis zu ihrem Tode für humanitäre Aufgaben ein. Fontane soll angeblich bei einem Tischgespräch von dieser Liebesgeschichte erfahren haben. Obwohl er gerne von der Leichtigkeit, mit der ihm das Werk unter der Hand entstanden sei, spricht, brauchte er gut sechs Jahre für die Vollendung des Romans. Während dieser Schaffensperiode hatte er auch einen Nervenkollaps.

Hintergründe und Idee zum Werk

Das Milieu in diesem Roman – er spielt im niederen Adel – passt eigentlich gar nicht zu Fontanes Geschichten. Das hat auch mit seiner Biografie zu tun: Sein Vater war Apotheker, der aber aus finanzieller Not seine Apotheke verkaufen musste. So wuchs Fontane in eher kärglichen Verhältnissen auf und konnte daher auch nicht seine Schulausbildung vollenden. Bezug zu dieser Gesellschaftsschicht und damit zum Stoff seines Romans, bekam der überzeugte Demokrat jedoch durch befreundete Literaten im Dichterverein „Tunnel über der Spree“. Sie verschafften ihm Jobs bei erzkonservativen Zeitungen, die er aber immer schnell aufgab und kündigte. Dadurch gewann er aber einen Einblick in den Alltag des Adels. Das alleine war aber nicht der Beweggrund für das gewählte Milieu. So sagt er selbst: „[…] der Gesellschaftszustand, das Sittenbildliche, das versteckt und gefährlich Politische, das diese Dinge haben, … das ist es, was mich so sehr daran interessiert.“

Überholte moralische Zwänge

Im Roman werden dieser Gesellschaftszustand und das versteckt Politische vor allem in den „langweiligen Besuche“ der lokalen adeligen Schicht dargestellt, indem sich auch Effi mit dem richtigen Make-up, der korrekten Bekleidung und der passenden Wortwahl profilieren muss, um nicht einen schlechten Ruf zu bekommen und schlimmstenfalls die Karriere Imstettens zu behindern. Das Sittenbildliche erkennt man vor allem an den Zwang Innstettens sich mit seinem alten Freund zu duellieren, obwohl er persönlich dessen Affäre mit Effi Briest verzeihen könnte, aber: „[…]die Gesellschaft verachtet uns, und zuletzt tun wir es selbst und können es nicht aushalten und jagen uns die Kugel durch den Kopf.“ 
Theodore Fontane bringt aber auch sehr differenziert die (finanziellen) Zwänge der Gesellschaft auf den Punkt. So lässt er die Mutter zu Effi sagen: „[…] und wenn du nicht nein sagst, was ich mir von meiner klugen Effi kaum denken kann, so stehst du mit zwanzig Jahren da, wo andere mit vierzig stehen. Du wirst deine Mama weit überholen.“ Und auch Effi – die Innstetten zuvor noch als ältlich bezeichnet hatte – kommt unter Druck zur folgenden Aussage: „Geert ist ein Mann, ein schöner Mann, ein Mann, mit dem ich Staat machen kann und aus dem was wird in der Welt.“

Geldnot des Autors

Das spiegelt auch sehr schön die Situation Fontanes wieder, der permanent an Geldnot litt. Zitat: „Man kann nun mal als anständiger Mensch nicht durchkommen.“ Er konnte sich lange nicht seiner Berufung – dem Schreiben von Romanen und Balladen widmen – sondern musste, mehr oder weniger zwangsweise, als Journalist für die Propaganda Preußens arbeiten. Durch die aufgedeckte Liebesaffäre Effis wird im Roman die Katastrophe herbeigeleitet. Trotzdem glaube ich, dass Fontane nicht in der verbotenen Liebesbeziehung den gewichtigsten Punkt sieht, sondern in den gesellschaftlichen Regeln, die die Figuren mehr und mehr zu Spielbällen macht. Dennoch will Fontane – der im Alter zunehmend kritischer der bürgerlichen Frau gegenüberstand – Effi nicht als bloßes Opfer sehen. So schrieb er einer Leserin: „Ja, Effi! Alle Leute sympathisieren mit ihr und Einige gehen so weit, im Gegensatze dazu, den Mann als einen alten Ekel zu bezeichnen. Das amüsiert mich natürlich, gibt mir aber auch zu denken, weil es wieder beweist, wie wenig den Menschen an der sogenannten Moral liegt und wie die liebenswürdigen Naturen dem Menschenherzen sympathischer sind. (…) Denn eigentlich ist er doch in jedem Anbetracht ein ganz ausgezeichnetes Menschenexemplar, dem es an dem, was man lieben muß, durchaus nicht fehlt.“

Vom Schicksal gefangen

Das Stück lässt sich aber nicht nur autobiografisch betrachten. Geht man zur psychoanalytischen Methode über, sehe ich den schwerwiegendsten Grund für die Tragödie in der Unreife und Kindlichkeit Effis. Im Roman wird das durch das Spiel auf der Schaukel, dem Wunsch nach einem eigenen Spielplatz und später der Spukgeschichte (die Innstetten geschickt als Erziehungsmittel einsetzt) verdeutlicht. So lässt sich auch erkennen, dass die Affäre nicht wirklich das Ergebnis ihres eigenen Willens sondern vielmehr ihrer Unfähigkeit ist, sich dem Willen des Majors Crampas zu widersetzen. Scheidung und Heirat ziehen Effi und Crampas nie ernsthaft in Erwägung, auch wenn Effi einmal von „Flucht“ spricht. Innstetten sucht auch nicht mit Absicht nach Beweismaterial für eine Scheidung, sondern stolpert zufällig darüber und glaubt, der Pflicht zur Wiederherstellung seiner Ehre durch ein Duell genügen zu müssen. So ergibt sich das Bild einer verhängnisvollen Verstrickung in der Crampas und Effi ihr Leben lassen müssen und auch Innstetten ohne Genugtuung zurückbleibt.

Isoliertes Leben

Aber wie kam es überhaupt zu dieser unheilvollen Entwicklung? Effis Ehrgeiz – der aber lediglich ein Anspruch der Mutter ist und durch die Erziehung eines guten Hauses Effi angelernt wurde – lässt sie diese Ehe zustimmen. Das es durch den noch – wie eingangs schon erwähnt – kindlichen, aufgeweckten und lebensintensiven Charakter Effis, im Gegensatz zum tadellosen, ehrenvollen und introvertierten Charakter Innstettens zu Problemen kommen muss, wird dabei geflissentlich übersehen. Auch die Eltern, vor allem aber die Mutter sind sich sehr wohl bewusst, dass Innstetten den Bedürfnissen Effis nicht entsprechen kann: „Und was das Schlimmste ist, er wird sich nicht einmal recht mit der Frage beschäftigen, wie das wohl anzufangen sei.“ Das gemeinsame Eheleben in der Kleinstadt Stettin gestaltet sich dann eigentlich erwartungsgemäß. Innstetten, ganz mit seiner Karriere beschäftigt, verbringt einen Großteil seiner Zeit außer Haus und lässt Effi dabei weitgehend isoliert zurück, zumal sie auch im Ort selbst kaum Kontakte knüpfen kann. Nach und nach baut sich Effi aber eine Art Ersatzfamilie auf. Mit dem Apotheker Gieshübler als Ersatzvater, Roswitha als Kindermädchen und schließlich der eigenen Tochter als „liebes Spielzeug“.

 

Trotzdem wird Effi erwachsen. Auf Dauer kann diese Konstruktion ihre Bedürfnisse als Frau kaum befriedigen und Innstetten ist nicht der Mann, der die entstehende emotionale Lücke füllen könnte. Die Affäre mit Crampas scheint da wie vorprogrammiert: „(…) die Kugel war im Rollen, und was an einem Tage geschah, machte das Tun des anderen zur Notwendigkeit.“
Doch im Grunde wäre Crampas auch leicht austauschbar, denn er füllte nur eine Leerstelle aus. So ist Effi sehr erleichtert als der Umzug nach Berlin bevorsteht und sie die Liebesbeziehung beenden kann. Erst jetzt wird sie sich der Rolle als Ehefrau und Mutter bewusst.

Gesellschaftliche Normen führen ins Unglück

Damit hätte die Geschichte auch mit einem Happy End enden können, aber Innstetten entdeckt zufällig, nach sechs Jahren, die Liebesbriefe. Wieder kommt die Kugel ins Rollen, diesmal allerdings aus einem scheinbar unabänderbar verpflichtenden Ehrekodex. Mit der nun eintretenden Wende scheint sich die Gerechtigkeit zu erfüllen. Crampas fällt, Effi wird durch die Scheidung geächtet und stirbt schließlich. Damit wären die Täter bestraft. Aber Fontanes Roman verbirgt noch mehr. Schon die Tatsache, dass Effis Vater gegen den Willen der Mutter die kranke Tochter nach Hause holt, stellt den Sinn dieser starren Verhaltensgesetze in Frage: „Aber das ist nun schon wieder eine halbe Ewigkeit her; soll ich hier bis an mein Lebensende den Großinquisitor spielen?“
Und vor allem die Entwicklung Innstettens entlarven sich der damals gepflegte Ehrbegriff und die an ihn geknüpften Konsequenzen als unmenschlich. „Rache ist nichts Schönes, aber was Menschliches und hat ein natürlich menschliches Recht. So aber war alles einer Vorstellung, einem Begriff zuliebe, war eine gemachte Geschichte, halbe Komödie“.
Diese allerdings tödlich endende Komödie verschafft ihm keine Genugtuung – im Gegenteil, sein bitteres Fazit lautet: „Mein Leben ist verpfuscht“.