Rezension: Engelbert Washietl, Eva Pfisterer (Hg.): Gerechtigkeit – um die rechte Führung des Lebens. LIT Verlag GmbH & Co. KG. Wien: 2009, € 19,90. Diese Rezension entstand als Auftragsarbeit für die Politische Akademie.

Die Frage nach Gerechtigkeit ist immer brandaktuell. Die Krise scheint die Welt fest im Griff zu haben, aber wer ist schuld daran – einzelne Bankenmanager oder das ganze System? Der Begriff Gerechtigkeit umfasst nicht nur die wirtschaftliche Dimension. Erwin Pröll beschreibt in seinem Vorwort treffend die Vielfältigkeit des Begriffes: Diskutiert wird über die innerstaatliche soziale Gerechtigkeit, über die Gleichberechtigung der Geschlechter, der Selbstbestimmung oder auch über die Gerechtigkeit gegenüber Tieren und der Umwelt.

Die 24. internationale Sommerschule der Waldviertel Akademie hat prominente Wissenschaftler, Intellektuelle, Vertreter aus Kunst, Medien, Wirtschaft und Politik eingeladen, um sich mit dem vielschichtigen Begriff „Gerechtigkeit“ zu beschäftigen. Die Veranstalter der Waldviertler Sommerakademie haben deren Beiträge gesammelt und übersichtlich im vorliegenden Kompendium zusammengestellt.

Die Grundlagen

Otfried Höffe, Professor für Philosophie an der Universität Tübingen, beschäftigt sich schon seit langem mit dem Begriff der „Gerechtigkeit“. Höffe erinnert daran, dass Gerechtigkeit lediglich eine verstärkte „Rechtheit“ meint. Demnach ist gerecht, wer sich an Recht und Gesetz hält. Gerechtigkeit bezeichnet auch das Amt, dem die Aufrechterhaltung von Gesetz und Recht obliegt: die Gerichtsbehörde. Die personale Gerechtigkeit wird ergänzt durch die Justizgerechtigkeit. Die politische Gerechtigkeit sorgt für ein Gerichtswesen und die personale Gerechtigkeit für unparteiische Urteile des Richters. Die Richterschaft hat für Höffe einen hohen Stellenwert.

Der Wiener Philosoph Peter Kampits reflektiert in seinem kurzen Beitrag die Gerechtigkeitstheorien, von der Antike bis zur Gegenwart. Aristoteles hat Gerechtigkeit als jene Grundhaltung bezeichnet, „von der die Menschen die Fähigkeit haben, gerechte Handlungen zu vollziehen, von der sie aus gerecht handeln und ein festes Verlangen nach dem Gerechten haben.“ Für John Rawls ist Gerechtigkeit was freie und vernünftige Menschen in einer anfänglichen Situation der Gleichheit im eigenen Interesse wählen würden.

(Un-) Gerechtigkeit in Euro und Dollar

Nach den grundlegenden Diskussionen zur Gerechtigkeit werden ökonomische Gerechtigkeitsfragen behandelt. Peter Mooslechner, Direktor der Hauptabteilung für Volkswirtschaft in der Österreichischen Nationalbank, analysiert das Geldvermögen der privaten Haushalte in Österreich. Er zeichnet ein eher negatives Bild von der Situation in Österreich. So entfällt auf die obersten 10% der Haushalte mehr als 50% des Vermögens. Die unteren 50% der Haushalte kommen nicht mal auf 10% Vermögen. Gudrun Biffl, vom Wirtschaftsforschungsinstitut, relativiert Peter Mooslechners Darstellungen. Das Durchschnittseinkommen der oberen 10% ist nur 3,3 mal so hoch, wie die der untersten 10%. Biffl verweist jedoch auf die Ungleichheit der Einkommen von Frauen und Männern. 80% aller Frauen in Österreich haben ein geringeres Einkommen als das Durchschnittseinkommen des Mannes. Zum Teil ist das auf den hohen Grad an Teilzeitbeschäftigung bei Frauen zurückzuführen.

Gerechtigkeit in Gesundheit und Pflege

Für Andrea Kdolsky, ehemalige Gesundheits- und Familienministerin, ist das Ziel staatlicher Gesundheitspolitik der freie Zugang zu Gesundheitsgütern und Dienstleistungen. Gerechtigkeit in Gesundheit und Pflege bedeutet, effektive und effiziente Mittelverwendung. Ludwig Kramer, Primarius im AKH Wien, kritisiert den Neoliberalismus im Gesundheitsbereich. Er verweist darauf, dass Lebensdauer und Einkommen besonders stark korrelieren und staatliche Gesundheitsvorsorge weniger Kosten verursacht als private.

Im Buch wurden überwiegend Konzepte sozialer bzw. ökonomischer Gerechtigkeit gesammelt. Trotzdem bietet „Gerechtigkeit – um die rechte Führung des Lebens“ einen außerordentlichen Reichtum an: von rechtlichen, über philosophische, bis hin zu praxisnahen wirtschaftlichen Gerechtigkeitsüberlegungen. Dieser Reichtum ist vor allem den Teilnehmern der Sommerschule geschuldet, Persönlichkeiten aus den verschiedensten Bereichen. Einmütig sind die Teilnehmer in der Kritik am Neoliberalismus. Die Autoren stellen übereinstimmend fest, dass der Neoliberalismus Schuld an der Wirtschaftskrise hat, die soziale Gerechtigkeit aushöhlte und den Wohlstand weiter von unten nach oben verteilte. In der Kritik wird jedoch vergessen, dass „Neoliberalismus“ nur ein Oberbegriff ist, der oft ohne Definition und zur Charakterisierung unterschiedlichster Phänomene verwendet wird. Ein Beitrag, der sich mit der Reflexion und Definition des Begriffes „Neoliberalismus“ eingehend beschäftigt, hätte den Sammelband noch bereichert.