Ein soziographischer Versuch von Marie Jahoda, Paul F. Lazarsfeld und Hans Zeisel im Jahre 1933

  1. Erläutern Sie kurz, welche unterschiedlichen Methoden in der Studie angewendet wurden. Diskutieren Sie dann für eine Methode, welche Vor- und Nachteile bzw. Probleme sich bei der Anwendung dieser Methode aus Ihrer Sicht ergeben können.

Bei der Fallstudie „Die Arbeitslosen von Marienthal“ wurde eine Vielzahl von verschiedenen Methoden angewendet. Ich habe die Methoden in non-reaktive und reaktive aufgeteilt:

Non-reaktive Methoden

  • Statistiken und Dokumente

Wahlergebnisse, Bevölkerungsstatistik (Altersaufbau, Geburten, Todesfälle, etc.), Katasterblätter ( Personaldaten, Wohnverhältnisse etc.) von jedem Einwohner. (vgl. Jahoda/Lazarsfeld/Zeisel: 1975, S. 26-27)

  • Dokumentenanalyse

Geschäftsbücher des Konsumvereins (Umsatzentwicklungen), Bücherausleihe in der örtlichen Bibliothek, Entwicklungen der Abonnentenzahlen bei Zeitungen, Entwicklung der Mitgliederzahlen in Vereinen und Parteien, ein Tagebuch, Historische Daten. (vgl. ebd. S. 26-29)

  • Verdeckte Beobachtung

Messung der Schrittgeschwindigkeit bei 50 Personen von einem verborgenen Fensterplatz aus. Gesprächsthemen und Beschäftigung in öffentlichen Lokalen. (vgl. ebd. S. 26-29)

Reaktive Methoden

  • Projektive Daten

Schulaufsätze aus Volks- und Hauptschulklassen über folgende Themen:
1. Mein Lieblingswunsch?
2. Was will ich werden?
3.Was ich mir zu Weihnachten wünsche?
Preisausschreiben unter den Jugendlichen über die Frage: Wie stelle ich mir meine Zukunft vor? (vgl. ebd. S. 26-29)

  • Teilnehmende Beobachtung

Bei der teilnehmenden Beobachtung sammelt der Beobachter Daten, indem er in persönlichem Kontakt mit der betreffenden Person steht und an deren natürlichen Lebenssituation teilnimmt. (dies kann auch zu ethischen Problemen führen!) Bei der Kleideraktion wurden in Wien 200 Kleider- und Wäschestücke gesammelt, ausgebessert und an die Bewohner verteilt. Die Forschungsmitarbeiter engagierten sich in den politischen Verbänden und in den örtlichen Vereinen. Es wurden ärztliche Sprechstunden eingerichtet, die einmal pro Woche stattfanden. Außerdem wurde ein Turnkurs für Mädchen angeboten, ebenso Beratungsgespräche über Probleme in der Familie und in der Erziehung. (vgl. ebd. S. 39)

  • Mündliche & schriftliche Befragung

Die Mündliche Befragung erfolgte durch: Befragung der Lehrer über die Schulleistungen und das Gabelfrühstück (Pausenbrot) der Schulkinder. Befragung des Bürgermeisters, der Ärzte, des Pfarrers und der Vereinsfunktionäre. Befragung über die Umsatzzahlen beim Wirt, Friseur, Fleischhauer, Rossfleischhauer, Schuhmacher, Schneider und Zuckerbäcker. Befragung über die Fürsorgetätigkeiten der Gemeinde.

Die schriftliche Befragung: Zeitverwendungsbogen eines Tagesablaufes von 80 Bewohnern. Inventare von Mahlzeiten in 40 Familien über den Zeitraum von einer Woche. (vgl. ebd. S. 76-80)

  • biografisches Interviews (narrativ)

Das biografische Interview ist eine Form des qualitativen Interviews, in der der Interviewpartner nicht mit typischen Fragen konfrontiert wird, sondern frei seine Geschichte erzählen kann. Der Interviewer greift nur in die Erzählung ein, wenn der rote Faden der Geschichte verloren geht. Aufgenommen wurden ausführliche und interessante Lebensgeschichten von 30 Frauen und 32 Männern.

Die teilnehmende Beobachtung:

Vorteil dieser Methode ist, dass man einen tieferen Einblick in das Geschehen der Menschen nehmen kann. Z.B. veranstalteten die Forscher wöchentliche ärztliche Praxisstunden in Marienthal und erhielten so einen sehr guten Eindruck über den gesundheitlichen Zustand der Leute. (Das Gleiche gilt auch für die wöchentlich veranstalteten Beratungsstunden.)

Außerdem kann es keine Unterschiede geben, wie zum Beispiel bei der Befragung, zwischen (in Befragungen berichteten) und tatsächlichen Verhalten. Weiters können prozesshafte Vorgänge (also Veränderungen während der Beobachtung) erfasst werden.

Typische Fehler und Probleme können bei der teilnehmenden Beobachtung auftreten, wenn die Beobachterrolle unklar ist oder ständig wechselt. Wenn es zu keiner eindeutigen Trennung des Forschers von beobachtetem Geschehen und Deutung kommt. Nachteil ist auch immer, dass sich eine subjektive Sichtweise schwer verhindern lässt. So waren die Forscher in der Marienthal-Studie sicher sehr stark involviert. Genauso leiten Vorwissen, Vorerfahrungen und Vorurteile die Interpretation des Beobachters. Alleine durch die Beobachtung kann es zu Veränderung des Feldes kommen. (siehe Hawthorne-Effekt)

Ist das Feld zu komplex, können viele Details nicht mehr wahrgenommen werden, damit ist die „Selektivität der Wahrnehmung“ gemeint. Sie basiert darauf, dass der Beobachter aus der Vielfalt der in einem bestimmten Moment vorhandenen Umweltreize nur einen bestimmten Teil aufnehmen kann. Sie äußert sich u.a. auch in der Überbetonung von nachvollziehbaren Ereignissen und im Übersehen von Selbstverständlichkeiten. Die Teilnahme des Beobachters im Feld ist mit unterschiedlichen Problemen verbunden. Feldeintritt und Rollendefinition des Beobachters können die vorhandene Selektivität der Wahrnehmung ebenso massiv verstärken. Zudem sind reaktive Effekte, wie die Beeinflussung des Beobachtungsfeldes durch den Beobachter zu nennen.

Im Forschungsprozess können „Eigenbestimmungsrechte“ beteiligter Personen verletzt werden. Aber auch die gezielte Manipulation von Situationen oder einzelnen Situationsmerkmalen kann forschungsethisch bedenklich sein (Veränderung der Lebensweise).

Jede Forschung und jede Veröffentlichung kann zu einer Schädigung der Untersuchten führen, wen z.B. ohne oder entgegen ihrem Willen etwas aufgedeckt wird. Besonders problematisch ist, dass in der Marienthal-Studie viele Leute freundschaftliche Sympathien zu den Forschern aufbauten, von ihnen Hilfe erhoffen, aber die Forscher nach Ende der Untersuchung das Dorf wieder verließen.

  1. Welche Unterschiede und Ähnlichkeiten zwischen wissenschaftlichem und journalistischem Arbeiten lassen sich erkennen?

Ähnlichkeiten zwischen Wissenschaft und Journalismus lassen sich am besten mit den Worten Michael Lingens anlässlich des Wiener Popper-Symposiums 1983 wiedergeben:

„Den wahrscheinlich wichtigsten Beitrag zur Falsifizierung falscher gesellschaftlicher Thesen liefert in der offnen Gesellschaft der freie Journalist. Er ist gleichsam das Auge, das Ohr und der Mund des gesellschaftlichen Organismus. (…) In der geschlossenen Gesellschaft kann es keinen freien Journalisten geben. Die offene Gesellschaft ist ohne Journalisten undenkbar. Denn sie lebt davon, dass falsche Theorie, falsche gesellschaftliche Maßnahmen so rasch wie möglich falsifiziert werden, damit sie durch bessere ersetzt werden können. (…)“ (Haas/Lojka: 1988)

Lingens sieht hier explizit die Falsifikation im Journalismus wie in der Wissenschaft als zentralen Bestandteil.

Arbeitslosigkeit ist ein wichtiges Thema, sowohl für Journalismus als auch für die Sozialwissenschaft. So wird auch in der Studie von den Arbeitslosen von Marienthal im Vorwort konkret auf die Wechselbeziehung zwischen Sozialwissenschaft und Journalismus eingegangen: „Zwischen den nackten Ziffern der offiziellen Statistik und den allen Zufällen ausgesetzten Eindrücken der sozialen Reportage klafft eine Lücke, die auszufüllen der Sinn unseres Versuches ist.“ (ebd. S. 24)

Außerdem sind bei beiden Systemen das Forschen und Recherchieren gleichermaßen Ausgangspunkte. Der Journalismus ist im selben Feld tätig wie die Sozialwissenschaften, nämlich in der Gesellschaft und in ihren sozialen Gruppen. Beide Systeme wollen Wissen vermitteln. Man kann davon ausgehen, dass beide um Objektivität bemüht sind.

In der Wissenschaft wird aber sehr viel Wert auf die korrekte Dokumentation gelegt. So wurde die gesamte Marienthal-Studie von Anfang an genau dokumentiert, durchgeführt und protokolliert. Welche Methoden man benützt, warum man sie benützt, wie viele Versuchspersonen teilgenommen haben, wie der Stand der Forschung ist, was man erreichen möchte, etc.

Beim Journalismus spielt die Dokumentation von Daten eine geringe Rolle. Die „Story“ muss spannend verpackt sein, langweilige Details werden ausgespart. Es gibt natürlich kein Forschungskonzept und keine wissenschaftlichen Hypothesen. Es gibt Unterschiede hinsichtlich der Motive (Forschungszwang versus Publikationszwang) sowie der formalen Zielsetzung. So soll in der Wissenschaft um der Erkenntnis willen geforscht werden und im Journalismus um des Gewinnes willen. Statt eines Erkenntnisprozesses gibt es im Journalismus einen Rechercheplan. Ein weiterer Unterschied ist, dass bei der Wissenschaft die kommunikationswissenschaftliche Relevanz im Vordergrund steht und im Journalismus die öffentliche Relevanz. (vgl. Haas/Lojka: 1988, S. 10-12)

  1. Wo sehen Sie Anknüpfungspunkte für Ihre eigene Arbeit? Welche der Methoden könnten auch bei Ihrem Forschungsthema angewandt werden, welche Daten könnten damit erhoben werden?

Anknüpfungspunkte für meine Forschungsarbeit über Politik und Fernsehen sehe ich im non-reaktiven Verfahren der Auswertung amtlicher Statistiken und Dokumente. Mit Hilfe amtlicher Statistiken könnte ich genau das Fernsehverhalten in der österr. Bevölkerung aufschlüsseln. Welche Sendungen zu welcher Zeit bevorzugt werden. So könnte man überprüfen, welche anderen Programme zur Zeit der ZiB angeschaut werden, wie viele um- und einschalten oder wie viele weg- und ausschalten. Auch die Zuseherzahl von Politprogrammen auf privaten Sendern zum Vergleich von denen im ORF müsste sich leicht ermitteln lassen und würde unterstützend für die eigene Arbeit sein. Es gibt außerdem Statistiken darüber, wie lange ein durchschnittlicher Österreicher fernsieht. Dies könnte ich mit meiner Befragung vergleichen, um zu sehen, ob die Angaben der Befragten mit der Statistik korrelieren.

Quellenverzeichnis:

Haas Hannes/Lojka Klaus: Erkenntnis durch Recherche. Ein Modell für Forschung und Lehre. In: Medien Journal. 12. Jahrgang. Nr. 1/1988 (gekürzte Fassung)

Lazarsfeld Paul F./Jahoda Marie/Zeisel Hans: Die Arbeitslosen von Marienthal. Ein soziographischer Versuch über die Wirkungen langandauernder Arbeitslosigkeit; mit einem Anhang zur Geschichte der Soziographie. 1. Auflage. Suhrkamp: Frankfurt am Main. 1975

Dieser Text entstand im Zuge einer Hausübung in STEP 5 des Publizistik- und Kommunikationswissenschaftlichen Studiums an der Universität Wien im Sommersemester 2008.