Artikel zu meinem Studium der Publizistik- und Kommunikationswissenschaft in Wien.

Ich habe gerne Publizistik- und Kommunikationswissenschaft studiert. Im Studium habe ich viel Philosophisches mitgenommen, mit Studienkollegen lang und breit über unser Mediensystem diskutiert und irgendwie vermisse ich sogar den Nervenkitzel vor einer schweren Prüfung. Intensiv habe ich mit Medienrecht beschäftigt und ich glaube, da habe ich auch einiges mitgenommen. Was aber gerade im Berufsalltag als PR-Berater  auffällt: Dem Studium mangelt es an konkretem Anwenderwissen. Es gibt vor allem drei ganz wichtige praktische Kompetenzen, die Publizistik vergaß uns Studenten zu lehren. Der Titel ist übrigens entleht von Wolf Schneider und das bringt mich gleich zur ersten geforderten Kompetenz:

Nr. 1: Bringt uns Schreiben bei!

In Österreich gibt es ungelogen viele Menschen, die aus beruflichen Gründen schreiben. Damit meine ich nicht nur Journalisten und PR-Leute sondern auch Jungunternehmer die einen Businessplan erstellen, Behörden die einen Bescheid ausstellen, oder eben auch Wissenschaftler, die einen Fachartikel publizieren. Schreiben ist eine Fähigkeit, die gelernt werden muss. Im Idealfall steht in jedem Studium ein Schreibtraining im Curriculum. Rechtswissenschaft würde zum Beispiel enorm davon profitieren, dann müssten wir vielleicht auch weniger grässliches Juristendeutsch lesen. Mehr als alle anderen Studenten, müssen aber Publizisten klar verständliche und gute Texte schreiben können. In Ansätzen gibt es im Studium auch ein Schreibtraining. Ich habe auf der Uni gelernt, was eine umgekehrte Pyramide ist und wie genau ich ein Porträt oder eine Reportage schreibe. Ich erinnere mich auch gerne an eine praktische Übung bei Katrin Burgstaller zurück, heute stellvertretende Ressortleiterin Inland beim Standard. Sie hat immer unsere Berichte durchgelesen und anschließend gezeigt was fehlt oder besser formuliert gehört. Dieses Feedback war ganz wichtig, denn ohne dem lässt sich der eigene Schreibstil nicht weiterentwickeln. Wertvolles Feedback zum Schreibstil habe ich auch bei Helge Fahrnberger erhalten. In seiner Lehrveranstaltung haben wir beim mittlerweile sehr bekannten Medienblog Kobuk.at mitgeschrieben.
Abgesehen von diesen zwei Positivbeispiele, gab es aber in Summe aber einfach zu wenig Schreibtraining an der Uni. Gutes Schreiben ist intellektuell anspruchsvoll und muss laufend geübt werden. Im Idealfall gleich über die gesamte dreijährige Studienzeit im Bakkalaureat! Solche Trainings sollten übrigens auch manche Professoren, Assistenten und Post-Docs besuchen. In vielen, an sich tollen, wissenschaftlichen Aufsätze werden völlig unnötig drei oder vier Gedanken in einen einzigen Satz gepresst und elendslange Substantivketten gebildet. Folge daraus: Die Leser müssen die Sätze erst einmal enträtseln, bevor sie das Geschriebene verstehen können.

Nr. 2: Data counts, Baby

Ich habe nie verstanden, warum Statistik in Publizistik- und Kommunikationswissenschaft so ein Schattendasein fristet. Jetzt wird allerorts von Data Journalism, Big Data und der Quantifizierung aller Lebenswelten gesprochen und dann lernen die Publizistikstudenten nur wenig über statistische Anwendungen. Freilich, ein bisschen SPSS haben wir gelernt und mit welcher Skala welche Rechenoperationen möglich sind. Im Detail habe ich mir aber selbst mit Praxisbüchern und Onlineforen helfen müssen. Datenanalyse ist aber ein Kernelement jedes sozialwissenschaftlichen Studiums und immerhin würden sich auch neue Berufschancen für Publizisten ergeben, etwa in der Marktforschung. Bei Statistik haben wir aber bisher gegen Soziologen oder Geografen kein Leiberl.

Nr. 3: Medientechnik

In Publizistik kann man zwei Praxisfelder völlig frei auswählen. Ich hatte Printjournalismus und Onlinejournalismus gewählt. Bei beiden Felder hätte ich mehr technisches Grundwissen gewünscht: Wie verwende ich Adobe InDesign? Welche Dinge sind vor dem Druck zu beachten? Wie bereite ich journalistische Inhalte optimal online auf? Und wie mache ich einen Blog auf und bearbeite diesen? Solche Dinge kamen viel zu kurz. Als einziges Positivbeispiel fällt mir da die Lehrveranstaltung von Michael Eisenriegler und Peter Adametz ein, bei denen wir ein Blogprojekt zur Bundespräsidentenwahl gestartet haben.

Mein Fazit: Schreibstil, Statistik und Medientechnik sind entscheidende Fähigkeiten und das weiß sicher auch die Studienprogrammleitung am Publizstikinstitut. Dass es hier an Angeboten mangelt, liegt wahrscheinlich auch daran, dass viele Lehrende selbst nicht das nötige Know-how haben. Problematisch ist sicher auch die Masse an Studenten. Denn alle drei Kompetenzen lassen sich nur in Kleinstgruppen und mit einer wirklich intensiven Betreuung erlernen. Deshalb hoffe ich auf ernsthafte Zugangsbeschränkungen zum Studium und generell mehr finanzielle Mittel. Das würde auch zu einer Imageverbesserung des Studiums beitragen und den Berufseinstieg für Publizisten erleichtern.

Die große Quantifizierung unserer Lebenswelt startet. Überall sind Daten vorhanden und mit neuen Tools lassen die sich auch sehr schnell und elegant aufbereiten. Datenjournalismus ist ein geflügeltes Wort geworden und für Redaktionen genauso interessant wie für PR-Tätige. Denn Öffentlichkeitsarbeit muss immer möglichst anschaulich Inhalte transportieren, sowohl in der internen als auch in der externen Kommunikation. Klarerweise lassen sich etwa die hervorragenden Umsatzentwicklungen des Kunden besser mit einer Infografik veranschaulichen als rein mit Text. Journalisten freut es meist auch, gleich ein Bild zu haben und übernehmen dann eher die Meldung. Mitarbeiter schauen sich wiederum im Mitarbeiterblog oder Magazin eher eine Grafik an, als dass sie Texte lesen.

infografic

Infografik erstellt mit infogr.am.

Das mit Abstand coolste und ausgefeilteste Tool ist hier infogr.am. Gesehen habe ich das erstmals bei Dominik Leitner. Spielereien sind damit super einfach möglich. Über Ulrike Langer habe ich das Open Source Tool Datawrapper kennengelernt. Damit lassen sich schnell einfache Grafiken erstellen. Interessant ist dieses deutsche Start-up allemal, wobei die Praxisbeispiele von Datawrapper in der „Chart Gallery“ (noch) wenig ansprechend sind. Hoffentlich tut sich da noch was, ansonsten ist wohl infogr.am immer die erste Wahl. Datawrapper wurde übrigens für das deutsche Bildungswerk der Zeitungen gebaut, das wiederum zum Bundesverband deutscher Zeitungsverleger gehört. Die Voraussetzungen wären also da, einen journalistisch wirklich überzeugenden Workflow und Output zu kreieren. Über Luca Hammer und seinem Blognetz-Projekt bin ich auf Gephi gestoßen. Mit diesem Tool lassen sich Netzwerken und komplexe Systeme visualisieren. Ich weiß zwar noch nicht genau, wie man das außeruniversitär einsetzen kann, aber spannend ist es auf jeden Fall.

Fazit: Am besten gefällt mir infogr.am, spezielle Netzwerkvisualierungen sind mit Gephi möglich und Datawrapper hat ein großes Potential für den Datenjournalismus.

Da wird doch der Hund in der Pfanne verrückt! Es ist geschafft – mein Studium ist zu Ende und meine Magisterarbeit gibt es bereits zum Downloaden. Mann, was ich Zeit dafür investiert habe … Genau deshalb gibt es hier und jetzt eine Auflistung der sieben wichtigsten Ergebnisse meiner Arbeit, die den literarisch angehauchten Titel trägt:

Stolz und Vorurteil im Journalismus.
Einstellungen von Tageszeitungsjournalisten zu Crossmedialität und Medienwandel.

Nun aber gleich zu den Findings:

1.
Zwischen Print- und Onlineredaktion ist die Stufe der Coopetition mit leichter Tendenz zum Content Sharing vorherrschend. (zu den beiden Begriffen vgl. Dailey; Demo; Spillmann, 2005: S. 153f) [ref]Dailey, Larry; Demo, Lori; Spillman, Mary (2005): The Convergence Continuum: A Model for Studying Collaboration Between Media Newsrooms. In: Atlantic Journal of Communication 13 (3), S. 150–168.[/ref] Das bedeutet, österreichische Tageszeitungsjournalisten von Print und Online teilen sich Informationen zu Geschichten, an denen sie arbeiten und die sie gerade produzieren. Gelegentlich arbeitet dabei ein Journalist bereits für das jeweils andere Medium. Konkurrenzdenken und Misstrauen zwischen den Mitarbeitern des einen Mediums gegenüber dem anderen Medium beschränken jedoch die Kooperation (z. B. werden keine exklusiven Informationen ausgetauscht).

2.
Bei der Konvergenz von Tageszeitung und TV- bzw. Radiosendern befinden wir uns hingegen erst auf der Stufe der Cross Promotion. Das heißt, die verschiedenen Medien bewerben sich untereinander (z. B. TV-Werbung in der Zeitung), aber Inhalte werden nicht gemeinsam produziert.

3.
Die Mehrheit der Tageszeitungsjournalisten bevorzugt die Arbeit für nur ein Medium. Allerdings stehen jüngere Journalist der Arbeit für verschiedenen Medien signifikant aufgeschlossener gegenüber, als ihre älteren Kollegen. Die Bereitschaft mehrmedial tätig zu sein nimmt auch zu, je mehr die Journalisten bereits heute in ihren Redaktionen crossmedial tätig sind.

4.
Ein solcher Gewöhnungseffekt ist auch bei der Einstellung zum Newsroom feststellbar. Demnach wird ein Newsroom signifikant positiver beurteilt, wenn bereits in einem Newsroom gearbeitet wird. Genauso wie ein Newsroom positiver betrachtet wird, je regelmäßiger die Journalisten derzeit schon crossmedial tätig sind.

5.
Grundsätzlich beurteilen die österreichische Zeitungsjournalisten den Newsroom sehr skeptisch. Negative Auswirkungen durch einen Newsroom werden bei Lärmbelästigung, Rückzugsmöglichkeiten, Arbeitsplatzgröße, Betriebsklima, Arbeitseffizienz, journalistische Qualität und Recherchemöglichkeit befürchtet. Eine Verbesserung wird dagegen nur bei der Zusammenarbeit mit Kollegen gesehen.

6.
Es gibt allerdings ein paar Elemente, die für eine positivere Einstellung zum Newsroom sorgen können. Dazu zählen eine grundsätzliche Zufriedenheit mit dem Management, gute Stimmung in der Redaktion sowie eine gute Informationsweitergabe und Mitwirkungsmöglichkeiten bei den Arbeitsplatzveränderungen.

7.
Im Vergleich von sieben österreichischen Tageszeitungen zeigt sich: „Die Presse“ steht dem Newsroom am positivsten gegenüber, während Journalisten der Oberösterreichischen Nachrichten am ehesten für verschiedene Medien eingesetzt werden möchten und bei der Kleinen Zeitung wird am ehesten crossmedial gearbeitet.

Bei der Umfrage nahmen 211 Tageszeitungsjournalisten teil.

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Die Nominalskala:

Zur Erinnerung: Nominalskalen bringen lediglich einen Verschiedenheit eines Merkmals zum Ausdruck. Klassisches Beispiel für eine Nominalskala ist die Frage nach dem Geschlecht:

Geschlecht ist als das zu messende Merkmal und weiblich oder männlich die Ausprägungen dazu. Diese Ausprägungen müssen natürlich in Zahlen umgemünzt werden, also z.B. weiblich => 1 und männlich => 2

Selbstverständlich kann eine Nominalskala auch mehrere Ausprägungen haben, z.B. Welche Augenfarbe haben Sie?

blau => 1, braun => 2, grün => 3

Aus den Beispielen wird auch ersichtlich, dass es bei einer Nominalskala keine Rangfolge gibt.

Welche Auswertungen können mit Nominalskalen vorgenommen werden?

Die Auswertungsmöglichkeiten sind auf Auszählungen eingeschränkt. Man kann Häufigkeitsverteilungen machen, also z.B. Auszählen lassen, dass 60 Frauen und 40 Männer an einer Befragung teilgenommen haben. Mit Nominalskalen können ebenso Kreuztabellen erstellt werden und der Chi-Quadrat-Test gemacht werden. So kann man herausfinden, wie viele von den 60 Frauen und 40 Männern blaue, braune oder grüne Augen haben. Mit dem Chi-Quadrat-Test kann unter anderem geprüft werden, ob ein Zusammenhang zwischen zwei Merkmalen zufällig oder nicht zufällig ist, über das Ausmaß des Zusammenhanges sagt er allerdings nichts aus.

Ordinalskala

Die Ordinalskala bringt die Merkmalsausprägungen sozusagen in eine Ordnung. Man kann also bestimmen, wo Merkmalsausprägungen stärker oder schwächer sind. Ein Bespiel für eine Ordinalskala sind Schulnoten. An diesem Beispiel sieht man auch das größte Problem: Ein Zweier ist nicht doppelt so gut wie ein Vierer. Der Abstand zwischen zwei Werten ist bei einer Ordinalskala also nicht bestimmt.

Neben Häufigkeitsdarstellungen ist auch die Berechnung des Medians möglich. Der Median halbiert eine Verteilung.

Intervallskala

Im Unterschied zur Ordinalskala, gibt es bei der Intervallskala zwischen den Werten vergleichbare Abstände. Damit können in SPSS Korrelationen nach Pearson berechnet werden. Mit Korrelationen kann berechnet werden, in welchem Ausmaß ein Zusammenhang zwischen zwei Merkmalen besteht. Auch arithmetische Mittel und Varianz kann bei Intervallskalen eingesetzt werden.

Verhältnisskala / Relationsskala

Verhältnisskalen haben einen absoluten Nullpunkt und bieten die Möglichkeit, Abstandswerte quantitativ in Beziehung zu setzen. Was heißt das? Atteslander (S. 230f) erklärt das anhand der Abfrage des Alters. Stellen wir uns vor, die Befragten werden aufgefordert das Alter einzutragen. Befragter A gibt 20 Jahre an, Befragter B gibt 40 Jahre an. Man kann daher sagen, B ist doppelt soviele Jahre alt wie A, weil 20 * 2 = 40.

Wenn wir uns jetzt vorstellen, dass Befragte aufgefordert werden, das Geburtsjahr anzugeben, dann hätten wir z.B. Befragter A wurde 1991 geboren und Befragter B 1971. Es handelt sich hier um einen Intervallskala, da die Abstände messbar sind. Man kann aber nicht sagen: B ist doppelt so alt wie A, weil 1971 * 2 ergibt keine Logik. Man muss erst wieder die Geburtsjahre in das aktuelle Alter umrechnen, erhält so einen Verhältnisskala und kann dann erst wieder wie zuvor berechnen, dass B doppelt so alt ist wie A.

Ein weiteres Beispiel für den Unterschied zwischen Intervall- und Verhältnisskala sind Grad Celsius und Kelvin. Kelvin ist einen Verhältnisskala (da absoluter Nullpunkt vorhanden), die Celsius-Temperaturskala eine Intervallskala. Hatte es gestern 10°C und heute 20°C, kann man zwar sagen „Es ist 10°C wärmer als gestern“, aber nicht „Es ist doppelt so warm wie gestern“. Das wird besonders deutlich wenn wir die Celsius in Kelvin umrechnen.

10°C sind nämlich 283,15K und 20°C sind 293,15K = um doppelt so warm zu sein müsste es aber 566,3K haben, das sind umgerechnet 293,15°C.

Weiterführende Links und Quellen:

Einführung in das Thema Skalen bietet dieser Videobeitrag: http://mariusebertsblog.com/2010/06/03/die-skalen-nominalskala-ordinalskala-intervallskala-und-verhaltnisskala-endlich-verstandlich/

Atteslander, Peter (2010): Methoden der empirischen Sozialforschung. 13., neu bearb. und erw. Berlin: Schmidt.

Leidlmair, Karl: Planung und statistische Auswertung psychologischer Untersuchungen. In (06.05.2011)

Kleibel, Veronika; Mayer, Hanna (2008): Literaturrecherche für Gesundheitsberufe. Wien: Facultas.

ZUSAMMENFASSUNG:

  • Nominalskala: Merkmalsausprägungen stehen in keiner Rangfolge; die Auswertungsmöglichkeiten beschränken sich auf Häufigkeitsverteilungen.
  • Ordinalskala: Es ist bestimmbar, welche Merkmalsausprägungen schwächer bzw. stärker sind; neben Häufigkeitsverteilungen kann der Median berechnet werden.
  • Intervallskala: Zwischen den Merkmalsausprägungen gibt es vergleichbare Abstände; Korrelation, arithmetisches Mittel und Varianz können auch mit dieser Skala berechnet werden.
  • Verhältnisskala: Unterscheidet sich zur Intervallskala durch einen absoluten Nullpunkt.

Dieser Abriss des Studienfaches Publizistik- und Kommunikationswissenschaft basiert vor allem auf dem Buch Journalistik, Band I, von Siegfried Weischenberg.

 

Journalistik als Begriff

  • Anfang des 19. Jh. veröffentlichte Heinrich von Kleist „Lehrbuch der französischen Journalistik“
  • Unterscheidet zwischen normativen Ansprüchen und Medienrealität
  • Anfang des 20. Jhdt. wissenschaftlich-systematische Beschäftigung
  • 1899 gründet Alexander Wrede in Berlin die erste private Journalistenhochschule
  • Erstmals Journalistik als wissenschaftlicher Begriff verwendet
  • Bis in den zweiten Weltkrieg hinein wurde „Journalismus“ und „Journalistik“ synonym verwendet
  • 1916: Karl Bücher gründet das „Institut für Zeitungskunde“ in Leipzig, die Zusammenführung mehrerer Wissenschaften wird jedoch skeptisch beurteilt
  • In den 50ern hat sich in Deutschland die Wissenschaft „Publizistik“ durchgesetzt
  • „Journalistik“ wurde bis 1976 als Begriff nur in Zusammenhang mit drittem Reich und DDR verwendet
  • Später gab es aber auch in Westdeutschland „Journalistik“-Studiengänge
  • Ruß-Mohl: Scharnier zwischen Kommunikationswissenschaft und Journalismus

 

Journalistik als Institution

  • Vorbild: Studiengang in Zürich
  • Seit Anfang des Jh. unter Journalisten Diskussion um wiss. Ausbildung
  • 1916 Leipzig: Studienschwerpunkte sind politischer und Handelsjournalismus, Feuilleton
  • nach 2 WK etablierte sich Journalistik in der DDR
  • in BRD war wegen Berufslisten der Nazis Studeingang Journalistik bis in 70er tabuisiert
  • Druck der Journalistenverbände: in 70ern gab es sechs entsprechende Studiengänge in Westdeutschland, aber keine einheitlichen Modalitäten
  • Primär Praxisorientierung und inhaltliche Spezialisierung
  • Mehrmediale Ausbildung
  • Sozialwissenschaftliche Ausrichtung
  • These: Institutionalisierte Ausbildung soll Kontrolle der Politik über Medien gewähren

 

Journalistik als Lehr- und Forschungsbereich

  • Kommunikationswissenschaftliche Theorie
  • Redaktionelle Produktion (Volontariat)
  • Karl Bücher definierte Recherche und Vermittlungskompetenz als zentrale Lernziele
  • Journalismus sei reproduktive Tätigkeit mit Regelhaftigkeit
  • Journalistik ist die systematische Untersuchung der Regelhaftigkeiten und ihre Ursachen
  • Vermittlung dieser Regeln ist Journalismusausbildung
  • Paradigma Journalistik bisher nur in Umrissen erkennbar
  • Durch institutionalisierte Formen und diffuse Forschungs- und Lehraktivitäten
  • Transfer zwischen Journalismus und Journalistik bleibt Wunschvorstellung (Rühl)
  • Journalistik hat immer zwei Ebenen:
    Theoretisch – Empirisch: Wissen über Journalismus generieren und reflektieren
    Praktisch – Normativ: Regeln für nützliche und glaubwürdige Kommunikationsleistungen erzeugen

 

Sozialistische Journalistik

  • KMU Leipzig Journalistik mit Doppelrolle
  • Muster für überbetriebliche Journalistenausbildung
  • Zentralisierte Indoktrination zukünftiger Journalisten
  • etabliert 1954
  • auch bei Nazis war Leipzig Zentrum der Journalistenausbildung (Publizistik)
  • Vorbild für Leipzig waren sowjetische Journalistenfakultäten
  • Begriff „Journalistik“ war nicht wie „Zeitungswissenschaft“ und „Publizistik“ durch Nazis verunglimpft

 

Säulen der Ausbildung

  • Pressegeschichte
  • Theorie der Presse
  • Methodik der Pressearbeit
  • Praxis und Theorie miteinander verbinden
  • verstand sich als Zweig der marxistisch-leninistischen Gesellschaftswissenschaft
  • zwei Drittel der DDR-Journalisten haben in Leipzig studiert
  • insgesamt 5000 Diplome
  • Forschung sollte instrumentalisiert werden, deshalb wurden Lehrredaktionen eingerichtet
  • Schwerpunkt: „Ausarbeitung der Genretheorie der proletarischen Presse“
  • Journalisten sollte damit Gesetzmäßigkeit bewusst gemacht werden, denen sein Schaffen unterliegt
  • 1990: neuer Studienführer – gewendete Identität sollte vermittelt werden
  • Bemühen um Kontakte zu westdeutschen KMWissenschaftlern

 

Der Gegenstand: Journalismus

Begriffliche und methodische Probleme

  • vor 150 Jahren: Journalismus als Zeitgespräch einer Gesellschaft mit ihren aktuellen Stimmungen und Widersprüchen – ein sozialer Prozess, wobei die Moderatoren, also Journalisten, für Robert E. Prutz gar nicht besonders relevant sind.
  • Späteres Verständnis: Journalismus als Tätigkeit von Journalisten
  • Erst mit empirischer Kommunikatorforschung aus USA kam es zur Aufgabe des naiven „Berufsrealismus“
  • Systemtheorie: Journalismus als Handlungszusammenhang, der in soziale Prozesse eingebunden ist (vgl. Weischenberg, Journalistik, S. 42)
  • Themen aus sozialen Systemen sammeln, auswählen, bearbeiten und den soz. Systemen präsentieren
  • Aktualitätsprinzip: informativ und relevant (Klaus Merten)
  • Problem: Themen ohne Neuigkeitswert, Berichterstattungsanlässe werden künstlich geschaffen
  • Kann zur Falle werden: wenn unter Zeitdruck Analysen und Prognosen erstellt werden (müssen)
  • macht heute Angebote, die weit über Prod. von Nachrichten hinausreicht
  • Gefahr: Identitätsverlust
  • Haller: E- und U- Journalismus – „ernsthafter Journalismus“ (20%) vs. „unterhaltender Journalismus“ (80%)
  • normaler Journalismus entzieht sich empirischen Zugriff (psychol. Prozesse von Journ., journ. Milieu)

 

Journalismus und Wissenschaft

  • Helmut F. Spinner: Gemeinsamkeit Wissenschaft und Journalismus ist selbstständige freie Informationstätigkeit
  • Unterschied: Art des Wissens, der Beschaffung und der Überprüfung
  • Gegenwartskonzentration zeichnet Journalismus aus

– Gemeinsam:      – Wissensvermittlung als Dienstleistung

                               – professionelle Methoden

                               – Objektivitätsbemühung

                               – organisiertes Handeln

– Unterschiede:    – W. sucht Regelmäßigkeite, J. Unregelmäßiges

                               – W. langfristig, J. kurzfristige Problemlösung

                               – J. hat weniger Ressourcen (Zeit, Geld)

 

Der Wahrheitsbegriff

  • beide wollen Welt vereinfachen
  • Ereignis im Journ.: Merkmale der Wirklichkeit werden vermittelt, Wahrheit wird stark reduziert
  • Präzisionsjourn.: soll mit empirischen Methoden Wahrheit regelhaft vermitteln
  • Objektivität:
    Verzicht auf eigene Meinung (Neutralität, Ausgewogenheit, Fairness) (Weischenberg, Journalistik, S. 54)
    Trennung von Subjekt und Objekt. Frage bleibt, ob das überhaupt möglich ist

 

Journalistik und Journalismusforschung

  • Interesse an Erforschung von Medienmechanismen durch 68er
  • 1963: „Psychologie der Massenkommunikation“ (Gerhard Maletzke)
  • Nachfrage durch politische Institutionen und dadurch mehr Geld

 

Journalismus als Wirklichkeitskonstruktion

  • Journalisten liefern Wirklichkeitsentwürfe auf Grundlage von gelernten, allgemein akzeptierten Regeln
  • Konstruktivismus: Mensch konstruiert sich autonom eigene Wirklichkeit, Medien können das nur beschränkt beeinflussen
  • Realität ist nur ein unzulängliches Modell von Wirklichkeit, das aufgrund der Funktionsweise unseres Gehirns entsteht (vgl. S. 61)
  • Mit konstruierter Wirklichkeit besteht man in dieser Realität – „Viabilität“
  • Medien entwerfen also Wirklichkeitskonstruktionen, mit denen man in der Realität „durchkommt“
  • Verschiedene Wirkl.entwürfe sind miteinander abgestimmt und damit sozial verbindlich
  • wenn kognitive Systeme autonom, dann sind auch Journalisten bei ihrer Wirklichkeitskonstruktion autonom (allerdings Beeinflussung durch Strukturen, Regeln und Schmata im Prozess beruflicher Sozialisation)

 

Themen und Grenzen der Journalistik

Journalistik beschäftigt sich im gesamten Feld der Medienkommunikation mit:

  • Normen (des Mediensystems)
  • Strukturen (Zwänge des Systems)
  • Funktionen (welcher Leistungs- und Wirkungskontext der Medienaussagen)
  • Rollen (Verhaltensmuster der Medienakteure)
  • Kontexte bestimmen, was Journalistik ist
  • Zwiebelmodell: siehe Weischenberg, Journalistik, Seite 71
  • zur Untersuchung Interdiszipinarität gefordert
  • Kompetenzgrenzen des Forschers bedingen Informationsverlust

 

 

Gesellschaftliche Rahmenbedingungen der Medienkommunikation

Durch den Wandel eines Gesellschaftsystems wandel sich auch die Medien und damit auch der Journalismus in der Gesellschaft (vgl. ebd.S. 77). Dabei lassen sich 4 Denkrichtungen unterscheiden:

Allgemeine Theorien der Medien und der Gesellschaft

  1. Kritik der Massengesellschaft und Massenkultur
  • taucht durch Industrialisierung Anfang des 19. Jh. erstmals auf
  • Zerstörung traditioneller Werte und Beziehungen (Gleichheit, Freiheit, Brüderlichkeit nicht durchsetzbar?)
  • Kritik an Massenpresse
  • Entfremdete und passive Konsumenten in Abgrenzung zur früheren Hochkultur
  • Glauben an übermächtige, uniforme Macht der Medien
  1. Kritische Theorie (baut auf voriger Theorie auf)
  • Frankfurter Schule (Marcuse, Adorno) sehen in Massenmedien totalitäre Macht
  • wie und was Menschen denken = monokausaler Wirkungszusammenhang
  • Verschmelzung von Kultur und Unterhaltung als Kritik (S. 81)
  • Herrschaftsstabilisierend und antiaufklärerisch (unter dem Mantel der „Objektivität“)
  • Weischenberg: beruht auf Vorurteilen und Arroganz der Eliten gegenüber dem Massenpublikum, bietet keine Handlungsalternativen, bleibt theoretisch
  1. Der Historische Materialismus
  • marxistische Grundlage (Klasse, Ideologie)
  • Bewusstsein direkt verbunden mit der gesellschaftlichen Arbeit (S. 81). Das gesellschaftliche Sein prägt Bewusstsein (S. 81)
  • Medien sollten nicht Medienkonglomeraten gehören, sondern in gesellschaftliche Kontrolle kommen
  • Das Publikum wird als Verfügungsmasse der Medien aufgefasst
  • beide Ansätze verweigern die Anerkennung der Partizipationskraft in pluralistisch-kapitalistischen Gesellschaften. Gerade die „gesellschaftliche Kontrolle“ der Medien führte in der DDR und Osteuropa in den Totalitarismus.
  1. Liberal-pluralistischer Ansatz
  • räumt Konstruktionscharakter jeder Theorie ein
  • Produktivkraft Kommunikation
  • gibt Wahrheitsanspruch auf und will sich der Wahrheit annähern, sie nicht beschreiben
  • Laut Kelsen ist der Relativismus die Weltanschauung, die dem demokratischen Gedanken vorausgeht. (vgl. S. 85)

 

Der normative Divergenz – Ansatz

  • vier Theorien zur Klassifikation von weltweiten Mediensystemen
  • Natur des Menschen, Staatsverständnis, Beziehungen Staat – Mensch, Wissen und Wahrheit (Medienrealität)
  • geht von westlich-pluralistischen Standards aus
  • Grundannahme: Medien übernehmen Strukturen der Gesellschaft, in denen sie arbeiten
  1. Autoritarismus: Herrschaftsunterordnung, Zensur, Vergehen gegen Autorität = Straftat (Nazis)
  2. Liberalismus: Pressefreiheit im heutigen westlichen Sinne
  3. Sozialverantwortungsmodell: Kritik der Medien- und somit Meinungskonzentration

Forderung: Medien haben Verpflichtung gegenüber Gesellschaft, Pluralität der Gesellsch. muss gezeigt werden; Forderung nach Verantwortung rechtfertigt Eingriffe der Gesellschaft bei Medien.

Der analytische Kontingenz-Ansatz

  • keine normative Betrachtungsweise, sondern empirische
  • Kategorisierung in:
  1. Offenheit des Rezeptions- und des Produktionssystems (geschlossen – offen)
  2. Medienbesitz (öffentlich/privat) / Medienkontrolle ([de]zentralisiert)
  3. Kommunikationsrechte – und Bedingungen: 4 Modelle des normativen Ansatzes

 

Der empirische Konvergenz-Ansatz

  • sucht statt Unterschieden nach Gemeinsamkeiten – „Weltsymphonie“ der Mediensysteme
  • Wahrheit unter dem Banner der Sozialverantwortung, Erziehungsproblem wird untersch. gehandhabt

 

Merkmale und Probleme geschlossener Mediensysteme am Beispiel der Sowjetunion

  • Marx´ Verständnis vom Journalisten: sollte nicht objektiv sein, sondern die Gesellschaft ändern, also gegen die herrschende Klasse ankämpfen
  • Lenin machte daraus die Forderung an die Presse, die Revolution zu unterstützen und wollte Presse kontrollieren
  • Pressefreiheit war zwar in Verfassung gewährt (für die „Werktätigen“), wurde aber durch Pressebehörde eingeschränkt
  • Presse als Agitator und Organisator, Partei hatte Meinungsmonopol

Professionelle Grundlagen

  • ideologischer Kampf gegen Kapitalismus, gute Nachrichten aus der SU, schlechte aus dem Westen
  • DDR: Bestinformiertes Publikum im Block durch Angebot zweier Nachrichtensysteme
  • Rege Teilnahme des Publikums (Leserbriefe) und hohes Ansehen von Journalisten in SU

Glasnost (Publizität)

  • Gorbatschow wollte zwar kritische Presse, aber weiterhin Unterstützung des Kommunismus
  • Öffnung des Systems verlief unkontrolliert, Folgen sind bekannt
  • Heute Russland auf dem Weg zu einem „neuen Journalismus“
  • Öffnung war Einsicht in Dysfunktionalität geschlossener Systeme: sorgen für starre Gesellschaft

 

Normative Grundlagen und aktuelle Erscheinungsformen

Die Tradition der Pressefreiheit in Deutschland

  • wirtschaftlicher Aufschwung seit 1800 führte zu Massenpublikum (Urbanisierung), Alphabetisierung
  • Vormärz: Verständnis des Journalisten als „öffentliches Amt“
  • Reichspressegesetz: Vorzensur abgeschafft
  • Presse wurde vom Gesinnungswesen zum Kommerz (Generalanzeiger)
  • Verlage hatten politische Ausrichtung, dadurch keine innere Pressefreiheit (in den Redaktionen)
  • Bis 1933 gab es unzählige kleine Zeitungen, die publizistisch und finanziell nicht konkurrenzfähig waren
  • Presse lag trotz vereinzelter Großverlage am Boden
  • Publizistische Konzentration bedeutet auch ökonomische Konzentration
  • In Westdeutschland später wieder weitere Konzentration
  • Pressefreiheit war in Deutschland immer entweder repressiven Gesellschaften oder hartem Markt ausgesetzt

 

Das Mediensystem der Bundesrepublik

 

Pressefreiheit und Medienrecht

  • Mediensystem der BRD in hohem Grad verrechtlicht
  • Versuch, öffentliche Funktion der Presse mit Prinzip der Marktwirtschaft übereinzubringen

Pressefreiheit und Medienvielfalt

Einflüsse auf die Pressefreiheit:

  • Vielfalt auf dem Meinungsmarkt
  • Einfluss des politischen Systems auf die Medien (Partei in Aufsichtsräten)
  • Ausmaß der journalistischen Autonomie
  • Intensität der Mediennutzung
  • deshalb sollte in Westdeutschland durch Konkurrenz von privater Presse (Außenpluralismus) und ÖR Rundfunk (mit Binnenpluralität) Medienvielfalt sichergestellt werden
  • doch auch zunehmende Konzentrationen auf dem Pressemarkt

 

Der Start in eine neue Medienlandschaft

  • am 1.1.85 Gründung von Sat1
  • Anforderungen an Ordnungspolitik für den Rundfunk
  1. gewisse Pluralität im Programm (BVG)
  2. Verlegerlobbyismus (verlangten bessere Startbedingungen gegenüber ÖR)
  3. Ansprüche SPD-geführter Länder, ÖR durch Gebühren Bestand zu garantieren
  • Staatsvertrag suchte Kompromiss (Grundversorgung durch ÖR)
  • Grundversorgung kein stabiler Begriff
  • Großverlage (Bertelsmann, Springer) haben nötige fin. Kraft, sich in PrR zu engagieren
  • Deutliche Kommerzialisierung der Medien
  • Grenzen zwischen Werbung und Programm immer verschwommener

Programmanforderungen mit Bezug zum Qualitätskonzept:

  1. Vielfaltsgebot
  2. Relevanzgebot
  3. Professionalitätsgebot
  4. Rechtmäßigkeitsgebot
  • marktwirtschaftlicher Flexibilität des Mediensystems stehen immer soziale Kosten gegenüber
  • darauf muss sich Medienpolitik einstellen und flexibel handeln

 

Die deutsch-deutsche Medienentwicklung

  • DDR-Journalisten unterstützen die Wende in DDR nicht, erst als Fakten unübersehbar waren
  • Westdeutsches Mediensystem bemühte sich früh um ostdeutschen Markt
  • Ostdeutschland diente als Brückenkopf nach Osteuropa

 

Die Perspektive: „Amerikanisierung“ des Mediensystems

 

Der rechtliche Rahmen des Mediensystems der USA

  • First Amendment (erster Zusatzartikel der Verfassung – Bill of Rights) – Rede- und Pressefreiheit
  • Pressefreiheit als Unterfall der Redefreiheit mit vielen Interpretationsmöglichkeiten: (wie in D)
  • Liberalismus vs. Sozialverantwortung
  • Markt vs. Teilhabe der Menschen
  • Interesse der Medieneigentümer vs. Interesse des Publikums
  • Freiheit der Presse vom Staat als zentrales Gut
  • Seit 70ern Renaissance des Liberalismuskonzepts und seit Reagan des Eigentümerschutzes
  • Aufsichtsbehörde FCC (ÖR): soll Binnenpluralität gewähren und verteilt Lizenzen (Prinzip: Regulation)
  • Idee der Deregulation ging von USA aus und wurde mit als erstes in D aufgegriffen:
    Freiheit = Wettbewerb = Vielfalt
    Nur wo keine Vielfalt herrscht, sind Eingriffe gerechtfertigt
    FCC kämpft hier gegen aufkommenden Sozialdarwinismus

 

Strukturmerkmale des Mediensystems der USA

  • lokale Pressemonopole und Zeitungsketten
  • im Rundfunk vier private Networks mit starker Dominanz: NBC, ABC, CBS, FOX (Murdoch)
  • übrige Networks auf Spenden und staatliche Zuwendungen angewiesen
  • Konglomerate: Medienunternehmen mit Beteiligungen an diversen Medienbereichen
  • Ethnozentriert: kaum internationale Berichterstattung (NY Times wird kaum außerhalb von New York gelesen)
  • Infotainment und „market-driven journalism“ setzen sich auch in Europa durch
  • Weischenberg: „Die amerikanische Krankheit ist ansteckend.“

 

Ethische und professionelle Standards

 

Selbstverpflichtung durch Sozialverantwortung

  • Widerspruch von ökonomischen Interesse und publizistischen Idealen des Medienbetriebs
  • Idee des Sozialverantw.modells: Medien sollen freiwillig der Gesellschaft dienen, dass die nicht eingreifen muss
  • Forderungen:
    Wahrhaftigkeit in der Darstellung von Ereignissen
    Forum zum Austausch von Kritik in der Gesellschaft bieten
    Berücksichtigung aller gesellschaftlichen Kräfte
    Bevölkerung vollen Zugang zum aktuellen Wissen verschaffen
  • Kritik: Das setze Regulierung voraus, sei mit Meinungsfreiheit aber nicht vereinbar
  • Renaissance erhält Sozialverantwortungsmodell immer dann, wenn etwas schief läuft
  • Journalisten sollen sich nicht aus Verantwortung stehlen können, sich nicht auf Marktmechanismus berufen

 

Grundlagen einer Medienethik

 

Aktuelle Begründungen

  • Medienethik wird oft aufgrund aktueller Anlass zur Diskussion gestellt

Medienkritik an:

  • Undurchschaubares Gemisch von Daten führt zu Infotainment
  • Konzentrationsprozesse: Anonymisierung von Verantwortung
  • Journalistische Kompetenz: wird immer nötiger gegen Einflüsse der PR
  • Publikum: wendet sich wegen Unsicherheit über Glaubwürdigkeit von Medien ab
  • Korruption durch Anzeigenkunden, Infotainment, Anchorman als Berühmtheit
  • Katastrophenjournalismus
  • Presse verweist oft auf TV als Sündenbock
  • Macht der Journalisten macht Verantwortungsbewusstsein notwendig
  • Dazu bedarf es gut ausgebildeter Journalisten, die dann automatisch richtig handeln
  • Ethikbedarf besteht bei allen Ebenen des Zwiebelmodells (Normen, Strukturen…)

 

Philosophische Prinzipien

  • Gesinnungsethik (Kant): deleontlogische Ethik, Pflichtethik
  • Verantwortungsethik (Bentham): teleologische Ethik – wird im Journalismus favorisiert
  • Doch zunehmend wird auch Gesinnungsethik wieder entdeckt: Handeln, das in sich gut ist als Grundethik
  • Darauf beruhen auch die Pressekodizes

 

Zur Substanz von Pressekodizes

  • seit dem zweiten Weltkrieg gibt es in vielen Ländern derartige Gebotslisten
  • diene zur Legitimation des beruflichen Handelns und drücken berufliche Ideologien aus
  • USA 1925: Verhaltenskatalog von Prof. Bleyer als Vorbild
  • Ehre, Wahrheit, Saubereit, Fairness, Anstand als absolute Werte
  • 1973: Presserat überreicht Heinemann Pressekodex mit vier grundlegenden Handlungsempfehlungen:
    Wahrhaftige und unabhängige Berichterstattung
    Keine unlauteren Methoden bei der Informationsbeschaffung
    Wahrung der Persönlichkeitsrechte
    Besondere Zurückhaltung bei schweren Verbrechen

Kritik:

  • Kodex hat allgemeingültige Regeln aufgezeichnet, an denen sich eh keiner stört
  • Ist eher Dekoration als ernstzunehmender Ratgeber

 

Kommunikationswissenschaftliche Annäherungen

Der normativ-ontologische Ansatz

  • Hermann Boventer
  • Grundannahme: Journalismus hat eine normative Prägung
  • Diese muss vom Journalisten reflektiert werden und wird so zu einer Handlungsethik
  • Verantwortung ist durch allgemeine (christliche) Werte gewährleistet
  • In jeder Situation muss Ethik abgewogen werden (Prudentia des Journalisten gewährleistet aber Ethik)
  • Trotzdem gibt es grundlegende Moral: Kants Vernunftbegriff
  • Journalist muss Leser als sittliches Objekt anerkennen (Forderung nach Sachlichkeit)
  • In 60ern Abwendung von diesem Ansatz

 

Der empirisch-analytische Ansatz

  • von der publizistischen Ziellehre zur empirischen Wissenschaft
  • Grundannahme: Es existiert Wertepluralismus, der keine gesellschaftsfernen Moralkonzepte zulasse
  • Orientierung an jeweiligen sozialen Bindungen und Verhältnissen (beruht auf Systemtheorie)
  • Kritik: zeitigt nur die gegenwärtigen Systemzustände und rechtfertigt sie (Boventer)
  • Eingeständnis, journ. Verhalten könne nicht verbessert werden
  • Entmythologisierung des journ. Handelns

 

Zum Praxisbezug einer Medienethik

  • Schaffung einer Medienethik ist oft Versuch, einer Verrechtlichung vorzukommen
  • Schwerpunkte: Verfälschung von Aussagen und Bildern; reißerische Schlagzeilen, künstliche Themenbeschaffung, schmutzige Soziologie (zu schnell verallgemeinern)
  • Meist wird am Einzelfall dikutiert, auch in Journalistenausbildung

 

Steuerungsinstanzen einer Medienethik

Individualethik

  • Moralische Verhaltensregeln für den einzelnen Journalisten
  • idealisierte Menschenkonzeption mit feststehenden ethischen Werten
  • ist empirisch nicht vorfindbar
  •  bedeutet Idealisierung der Berufswirklichkeit (auch in Pressekodizes)
  • kann nur Auseinandersetzung mit Soll-Sein bedeuten, wenn Ist-Sein verbessert werden soll
  •  vernachlässigt, dass sich alle Menschen in unterschiedlichen soz. Systemen bewegen
  •  für journalistische Ethik ungeeignet

 

Professionsethik

–          Ethik = Verhaltensregeln für Berufsalltag

Kritik: Sprachlich aufbereitete Betriebsroutine — keine Ethik

  • alles über die Verhaltensregeln hinausgehende ist schon von Problem der ethischen Divergenz bedroht (d.h. unterschiedliche Ansichten beim jeweiligen Journalisten)
  • Professionsethik heißt also, keine absoluten Charakterwerte zu formulieren

 

Institutionenethik

  • Verleger sehen zuerst ökonomische Interessen, selbst wenn sie hohe ethische Standards haben
  • Verleger wären aber die ersten, die Medienmoral durchsetzen könnten

 

Zur Ökonomie der Presse

Kosten- und Erlösstruktur

  • Klassisches Verständnis: Redaktion als Kostenfaktor, der die Anzeigen an den Mann bringt
  • Salz (Nachrichten) macht Durst auf Bier, für das man bezahlen muss
  • in Deutschland: zwei Drittel der Erlöse aus Anzeigen, ein Drittel aus Verkauf
  • Papierkosten höher als Vertriebserlöse (deshalb hier besonders Bemühungen um Rationalisierung)
  • Konjunkturabhängigkeit des redaktionellen Umfangs (weniger Werbung, weniger Text)
  • Redaktion zweitgrößter Kostenfaktor (20%) – hier wird bei nachlassenden Erlösen zuerst gespart
  • Vertrieb (20%) — Anzeigen (13%) —- Verwaltung (8%)
  • Großkonzerne mit mehreren Produktionseinheiten unter einem Dach sind privelegiert (Rationalisierung)

Anzeigen – Auflagen – Spirale 

  • Kosten nehmen mit höherer Auflager nur unterproportional zu, da größter Teil Fixkosten
  • Aber mehr Einnahmen, dadurch Investition in bessere redaktionelle Arbeit
  • Außerdem sinken Kosten für Anzeigenkunden pro Kontakt, dadurch mehr Werbekunden
  • Das befördert Pressekonzentration

 

Wettbewerb, Marktzutritt, und Subventionsmodelle

  • seit über dreißig Jahren nur sechs Neuzutritte auf dem Markt
  • faktisch keine Neuzutritte möglich
  • Doppelter Markt: Publizistischer und Werbemarkt
  • Hier haben Erstanbieter uneinholbaren Vorsprung
  • Schweden:
    Subventionen für nachrangige Zeitungen, um publ. Vielfalt zu gewährleisten
    Auffassung: Qualität und Profit gehen nicht überein
    Sozialverantwortungsmodell, Reaktion auf Zeitungssterben
  • Frankreich:
    Subventionen für Zeitungen mit weniger als 30% Anzeigenerlös o. weniger als 200T Auflage
    Anzeigenmonopol: Staat vergibt großen Teil der Anzeigen über Agentur
    Strukturpolitik: Staat besitzt Großbanken und nimmt Einfluss auf Bildung von Zeitungsgruppen
    wäre in Nordamerika mit Liberalismusmodell nicht denkbar

 

Die Ökonomie des Rundfunks

  • durch duales Rundfunksystem Konkurrenz von Medienrecht (Binnenpluralität) und Wettbewerbsrecht
  • Grundversorgungsanspruch (BVG) bedeutet, dass:
    Sich die ÖR nicht dem wirtsch. Wettbewerb mit den Privaten aussetzen müssen, nur dem publizistischen
    Die Privaten untereinander aber im publ. und wirtsch. Wettbewerb stehen
    Die Privaten auf dem Werbemarkt besser dastehen (weniger Vorgaben)
    Die ÖR weiter und immer mehr auf Gebühren angewiesen sind durch sinkende Werbeeinnahmen
  • Konkurrenz zw. Marktmodell und ÖR – Modell (Ziel ist Vielfalt)
  • Frage: Wieviel Werbung, wieviel Gebühren, wieviel Grundversorgung?
  • Programmauftrag der ÖR: unterrichten, unterhalten und bilden
  • Deutsches ÖR – Mediensystem ist international führend (Größe, Professionalität, Ausstattung)
  • Werberelation Fernsehen 1997: ÖR – 870 Millionen; PrR – 10 Milliarden = 1:100!
  • Kosten ÖR 1996: 12 Milliarden (ein Drittel für Mitarbeiter)
  • Werbung im ÖR. Täglich 20 Minuten vor 20 Uhr, danach nur noch Sponsoring
  • Bestandsgarantie (BVG) heißt: Ausweitung der Gebühren und der Werbezeiten legitimiert
  • Herausforderung: „Neue Rundfunkökonomie“

 

Die Perspektive: Kommerzialisierung und Internationalisierung

Kommerzialsierung

  • „Informationsgesellschaft“
  • Privatisierung des Rundfunks, Werbung, internationale Medienmultis

Kriterien zur Abschätzung und Beurteilung: (Dennis McQuail)

  1. Vielfalt (Zutrittschancen, Angebotsbreite, Verfügbarkeit für alle, Meinungsvielfalt)
  2. Qualität (Kulturelle Standards, Originalität, Kulturelle Authentizität, Objektivität)
  3. Soziale Beziehung zwischen Sender und Empfänger ( Abwesenheit von Manipulation, Gleichgewichtigkeit)
  4. Freiheit und Unabhängigkeit (vom Staat, Innere Freiheit)

Internationalisierung

  • übt kommerziellen Druck aus
  • im Geiste des Liberalismus-Modells
  • (Satelliten), pol. (Deregulation) und ökon. (EU-Markt)
  • Entwicklungen marginalisieren nationale Grenzen
  • Forderung nach internationales Presserecht (Europa)

 

Gruppenstrukturen und Redaktionsverfassungen

  • in größeren Medienunternehmen herrscht hierarchisches Prinzip vor, größere Rollendifferenzierung
  • Chefredakteursverfassung: klar geregelte Zuständigkeiten mit raschen Entscheidungen
  • Befürworter sagen, das sei notwendig aufgrund des Zeitdrucks
  • Kollegialverfassung: taz (ohne Ressortaufteilung aber mit Chefredakteur) und partiell die FAZ (mit Herausgebern und ohne Chefredakteur)
  • Vorteil sei: bestmöglicher Ausgleich der innerredaktionellen Gegensätze
  • Nachteil: zeitraubend im Wettbewerb, mit Notwendigkeit von schnellen Entscheidungen nicht konkurrenzfähig
  • in meisten Redaktionen gibt es heute Mischform: Chefredakteur, auf unterer Ebene aber kollegiale Entscheidungen (dezentral – kollegiales Entscheidungshandeln)
  • alle Entscheidungsträger verfügen über relevante Informationen und haben auch Entscheidungsfreiraum
  • von Vorgesetztenrechten wird nur sparsam Gebrauch gemacht

 

Rollen-, Entscheidungs- und Produktionsmuster

Rolle des Chefredakteurs

  • Anleitung und Überwachung der redaktionellen Arbeit
  • Prägung des „journalistischen Gesichts“ der Zeitung
  • Vertretung der Redaktion gegenüber anderen Teilen des Unternehmens
  • Vertretung der Redaktion und des Unternehmens gegenüber der Öffentlichkeit
  • Ressortleiter: Führung, Koordinierung und Kontrolle des Ressorts

ÖR: Leitung durch Intendanten; Abteilungsleiter bzw. Chefredakteure

  • je höher die Position, desto weniger journalistisch die Aufgabe und die Orientierung an politischer Richtung der Führung

Institutionelle Zwänge für Rollenmuster:

  • Zwang, journ. Produkt zu liefern, beeinflusst Sorgfalt bei der Nachrichtenselektion
  • Zeitdruck und Platzmangel sind stärker als journ. Ziele
  • Viele Redaktionsmitglieder sind nur Durchlaufstationen, eigene Wertvorstellungen irrelevant
  • Organisationsmuster und Rollenerwartungen beeinflussen Einstellungen des Journalismus und so die Medien
  • In Europa ist die redaktionelle Arbeitsteilung noch unterentwickelt, kommt aber (CvD, Chefreporter)

 

Die Redaktion als organisiertes soziales System

Ansätze der Redaktionsforschung

  • Der normativ-praktizistische Ansatz: Die Redaktion als abgeschlossenes geistiges Zentrum, das wie ein Organismus als Ganzes funktioniert. Ohne Interaktion mit der Umwelt, nur innerhalb der Redaktion.
  • Der materialistische Ansatz: Journ. publiziert nicht, er produziert Text, um ihn zu verkaufen. Er wird deshalb bestimmt von den Spielräumen in seiner Redaktion.

Der systemtheoretische Ansatz

  • Untersucht das menschliche Verhalten in der Gruppe
  • Gesellschaft besteht aus sozialen Gruppen, die ihren Fortbestand sichern wollen
  • Status als Journalist bedeutet bestimmtes Rollenverständnis – so verhält sich der Journalist dann auch
  • Redaktionen vermitteln also nicht Informationen, sondern konstruiert Wirklichkeit
  • Redaktionen sind aber selber Subsysteme, es entsteht Selbstreferenz

 

Redaktionelles Entscheidungshandeln

  • Rolleneinhaltung ist elementar zum Eintritt und Verbleiben in einer Redaktion (Mitgliederselektion)
  • Zustimmung zu Redaktionszwecken und Anerkennung der Entscheidungsrechte der Chefredaktion
  • Rolle ist Grundlage für Entscheidungen (Sammlung, Auswahl, und Verarbeitung von Material)

Zwei Routinen:

  • Konditionalprogramm (wenn – dann)
  • Routineverhalten bei bestimmten Situation (bei Platzmangel weglassen der Rezension)
  • Zweckprogramm (mögliche Folgen von redaktionellen Handeln)
  • Intellektuelles Blatt macht Leitartikel, das andere exklusive, teure Nachrichten

 

Redaktionelles Handeln als Gatekeeping

  • auf allen Hierarchien findet Gatekeeping (Schleusenwärtern) statt, auf Grundlage subjektiver Entscheidungen
  • Theorie entstand in 40ern
  • Mechanische Zwänge sind für Redakteure wichtiger als Bedeutung der Nachricht selbst
  • Die Werte des Chefs werden verinnerlicht
  • Die Reporter nehmen Nachrichtenpolitik als Teil der bürokratischen Struktur hin
  • Der Nachrichtenredakteur hat nur vage Vorstellungen vom Publikum
  • Gatekeeper-Forschung untersuchte im Lauf der Zeit Institutionen statt Personen
  • Strukturelle Abhängigkeit der Redakteure und deren Handeln
  • Dazu gehören neben Verlag auch Agenturen, Presseämter etc.
  • Kybernetisches Modell: Redakteure in Organisationssystem eingebunden, das sich über ständigen Kommunikationsfluss selbst reguliert und dafür sorgt, dass sich das Nachrichtenselektionssystem stabilisiert

 

Mechanische Zwänge und strategische Kommunikationsmuster

  • es gibt die strategischen Kommunikationsmuster „Gegenlesen“ und „Redaktionskonferenzen“
  • stellen redaktionelle Kontinuität her und sichern vor Abweichen des Redakteurs von Redaktionslinie

Gegenlesen

Redakteur fühlt sich zwar von Verantwortung entlastet, übersieht dabei aber dysfunktionale Eigenschaften:

  • Lautlos auf Linie trimmen
  • Ständige (Selbst-)Kontrolle
  • Diskussion wird vermieden
  • Kollegen werden zum journalistischen Bezugspunkt, nicht das Publikum
  • findet häufiger bei Politikressort statt

Redaktionskonferenzen

  • nur Anschein demokratischer Entscheidungen, meist entscheidet Chef allein
  • dient oft zur Disziplinierung

 

Merkmale redaktioneller Organisation und Produktion

  • Phase 1: Recherchieren (Themen, Nachrichten, Termine und Bildinfos gesammelt – Veröffentlichungswert)
  • Hier greifen Einzelentscheidungen
  • Phase 2: organisatorische, technische und ökonomische Aspekte im Vordergrund (Prinzip der Präsentation)
  • Redaktionelle Produktion und technische Reproduktion verschmolzen
  • Redaktion im Zentrum eines kybernetischen Modells

medienDie digitale Revolution wird von vielen Medienmachern verschlafen. Anders ist es nicht zu erklären, dass im Corporate Publishing und bei vielen Medien PDFs für mobile Endgeräte zu den ganz heißen Innovationen zählen. Sind sie nämlich nicht. Warum das so ist, beschrieb ich ich im ersten Teil dieser zweiteiligen Serie. Der zweite Teil dreht sich um die Werkzeuge, die Publizisten morgen benützen werden.

Relevanzverlust von InDesign

Egal ob Print oder Digital Publishing: InDesign ist die weltweit meist benutzte professionelle Layout-Software. Das Programm aus dem Hause Adobe hat da ein Alleinstellungsmerkmal und den langjährigen harten Konkurrenten Quark XPress praktisch in die Bedeutungslosigkeit geschickt. Jetzt steht InDesign aber selbst ein kleiner Relevanzverlust bevor. Das liegt daran, dass gerade das Konzept von Magazinen und Zeitungen zu erodieren beginnt. Ich denke, in 50 oder 100 Jahren wird man es eher kurios finden, dass völlig verschiedene Texte gebündelt und dann zeitgleich auf einem Trägermedium publiziert wurden. Diese Veränderung trifft natürlich auch InDesign, wobei das Programm für die Produktion von Büchern, Geschäftsberichten, Studien udgl. immer noch gebraucht werden wird.

Brauchen Medienmacher Programmierkenntnisse?

Solange aber Menschen existieren, wird auch publiziert werden – nur die Art und Weise ändert sich eben. Die mediale Vermittlung im Internet basiert immer mehr auf Programmier- und Auszeichnungssprachen. Brauchen also PR-Profis und Marketer entsprechendes Knowledge? Ich persönlich erlebe die derzeitige Entwicklung recht paradox: Auf der einen Seite gibt es eine fortlaufende berufliche Spezialisierung und mit WYSIWYG-Editoren, wie in WordPress, lässt sich auch hervorragend ohne Programmierkenntnisse publizieren. Auf der anderen Seite glaube ich, dass kleinere Grafik- und Layoutaufgaben immer häufiger an Journalisten, PR-Berater und Marketer ausgelagert werden. Newslettergestaltung in HTML sind da ein gutes Beispiel.

Photoshop rulez

Immer wichtiger wird wohl auch die Bildbearbeitung mit Adobe Photoshop werden. Kenntnisse im Umgang mit dem Bildbearbeitungsprogramm werden irgendwie von jüngeren Berufstätigen vorausgesetzt: Zähne digital bleichen oder Glanz und Falten retuschieren ist ja auch einfach möglich.

Audio + Video

Genauso wird auch Software für Audio- sowie Videoschnitt an Relevanz gewinnen. Im Internet verschmelzen Text, Sound und Video miteinander. Deshalb heißt es auch immer wieder, dass Unternehmen wie Journalisten bald über mehrere Kanäle kommunizieren werden (müssen).

Zusammenfassend bedeutet das: Medienmacher brauchen neues Anwenderwissen. Denn ich kann mir jedenfalls nicht vorstellen, dass noch sehr lange jemand die Texte schreibt und als Word verschickt, damit sie ein Dritter ins Layout oder auf die Webseite einfügt. Genauso wie ein Grafiker nicht mehr für alle kleinen Arbeiten beauftragt und bezahlt werden kann.

medien

Die digitale Revolution wird von vielen Medienmachern verschlafen. Anders ist es nicht zu erklären, dass im Corporate Publishing und bei vielen Medien PDFs für mobile Endgeräte zu den ganz heißen Innovationen zählen. Sind sie natürlich nicht. Warum das so ist, beschreibe ich im ersten Teil dieser zweiteiligen Serie. Im zweiten Teil geht es schließlich darum, welches Handwerkzeug die Publizisten von morgen nützen werden.

Der Redaktionsschluss ist tot

Egal ob im Journalismus oder in der PR: Magazine und Zeitungen gibt es immer öfter als PDFs zu lesen. Das wird dann als DIE digitale Innovation des Unternehmens verkauft … In Wahrheit ist genau das Gegenteil der Fall! Denn ein in sich abgeschlossenes Produkt entstammt ganz klar dem Denken aus der PRINT-Welt. Dort lautete das Credo: Wir machen ein Produkt das am Tag X erscheint. Die Leser blättern dann das Ganze durch und bleiben beim ein oder anderen Artikel hängen.

So verhalten sich aber immer weniger Menschen. Heute konsumiert der Einzelne eine Vielzahl an journalistischen Quellen. Das merke ich schon bei meinem eigenen Nutzungsverhalten: Ich sehe Artikelempfehlungen auf Twitter und Facebook, lese Linktipps auf Blogs und erhalte dutzende RSS-Feeds, die ich geübt nach guten Informationen scanne. Ich will gar keine Magazine mehr in die Hand nehmen und selbst die Onlineauftritte der Medien steuere ich immer seltener direkt an. Für Medienvertreter bin ich sicher ein Horrorbeispiel. Und ich höre schon ihre Argumente im Ohr klingen: Nur wir bieten den umfassenden Überblick. Nur bei uns wird über Themen geblättert, die einem selbst nicht so interessieren, aber einfach wichtig sind. Nur wir bringen das wahrhaft relevante. Nur Gedrucktes hat diese unvergleichliche Haptik …

Ohne Trägermedium zu mehr wertvollen Informationen

Genau das sehe ich anders. Ein Beispiel: Ich bin kein großer Sportfan. Auf Facebook bekomme ich aber etwas über Fußball & Co. mit, weil meine FB-Freunde darüber schreiben. Auf Twitter sind wiederum Experten zu jedem erdenklichen Fachgebiet vertreten. Deren Artikelempfehlungen sind tatsächlich von Hand verlesen. Und zum Argument der Haptik: Ich halte grundsätzlich lieber ein Smartphone in der Hand, als etwa eine Zeitung im Berliner Format. Wer öfter in einer voll gestopften U-Bahn fährt, wird wissen was ich meine.

Die zentrale Frage lautet deshalb: Warum sollen Nutzer sich auf ein Medium beschränken, wenn sie von allem nur das Beste konsumieren können? Warum nicht die vielfach ausgezeichnete Reportage auf „Die Zeit“ lesen, den guten politischen Kommentar im Standard und die witzige Satire auf einem Blog? Die Digitalisierung macht das möglich. Für den Journalismus ist das durchaus eine Chance, denn durchsetzen wird sich das journalistisch Einzigartige, das Gehaltvolle, das wirklich Spannende.

Das Internet ist ein mediales Schlaraffenland

Der Leser wird sich zukünftig jedenfalls nicht mehr die guten journalistischen Körner aus einem Angebot rauspicken, sondern sie werden ihm vielmehr in den Mund fliegen. Natürlich können Medien sich gegen diese Entwicklung sperren, nur wird das nichts helfen. Manche werden eine Mauer hochziehen, aber andere werden die Segeln setzen. Sie werden publizistische Inhalte offen, direkt ansteuerbar und einfach teilbar anbieten und damit Erfolg haben. Dieser Medienwandel bei der Nutzung hat aber auch maßgebliche Konsequenzen für die benötigten Skills und die eingesetzten Medientools der Medienmacher. Dazu mehr im zweiten Teil.

„Was ist bitte ein PR Consultant?“ – die Frage habe ich schon oft gehört. Public Relations selbst ist – zynisch genug – in der Öffentlichkeit weniger bekannt und wenn, dann wird die Branche mit Hochegger & Co. assoziiert. Dessen „Arbeit“ hat allerdings nichts mit PR zu tun.

Verkaufen

Wer an PR denkt, denkt an Kommunikation. Kommunikation ist allerdings schon eine  ziemlich abgeschmackte Worthülse. Denn was kann man sich darunter konkret vorstellen? So birgt der Begriff „Kommunikation“ alleine schon das Risiko für Fehlinterpretationen, denn viele junge Einsteiger denken sich, „hey, ich kann gut kommunizieren und arbeite gerne mit Menschen, das ist sicher der richtige Job für mich.“ Sicher ist eine offene Persönlichkeit kein Fehler, gerade bei Einsteigern stellt sich dann aber schnell Ernüchterung ein, denn in der PR dreht sich die Kommunikation stark ums Verkaufen. Agenturmitarbeiter betreiben viel Akquise, nur verkaufen sie ihre Waren nicht gegen Geld sondern gegen Aufmerksamkeit. Dem Journalisten muss die Geschichte, das Thema oder der Deal gefallen, dann wird darüber berichtet. Dafür zahlt dann der Kunde. Darum lautete die lebenslange Frage jedes PR-Beraters: „In welche Medien passen welche Kunden mit welcher Geschichte rein? Und was könnte dem Journalisten daran gefallen?“ Neben der kreativen Themenfindung und Recherche gehört deshalb auch das Nachfassen per Mail und Telefon zum täglichen Job.

Kontaktpflege

Um die Journalisten überhaupt zu erreichen, braucht man seine Daten. Trotz Medienkrise: es gibt unglaublich viele Medien in Österreich. Sehr viele sind der breiten Masse unbekannt, weil sie sich als Fach- und Branchenmedien an eine sehr eng umrissene Zielgruppen wenden. PR Agenturen haben in der Regel gut gewartete Verteiler und Adressdatenbanken. Solche Datenbanken können auch nur sie pflegen und anlegen, weil sich der Zeitaufwand für ein Unternehmen alleine nicht rechnet.

Eigene Verteiler müssen jedenfalls gewartet und aktualisiert werden. Das bedeutet, wenn etwa eine Fehlermeldung auf eine E-Mail zurückkommt, dann wird das Medium angerufen und nachgefragt was los ist. Zur Kontaktpflege zählt wohl auch, dass ein erfahrener PR-Berater die wichtigsten Journalisten für seinen Kunden gut oder gar persönlich kennt. Unter Kontaktpflege fallen dann auch Redaktionstouren, bei denen die Redaktionen besucht und der Kunde vorgestellt wird.

Texten

In der klassischen PR ist neben dem Verkaufen wohl das Texten der größte Brocken. Hohe Textkompetenz ist daher das Um und Auf für jeden PR-Berater. Damit meine ich nicht nur Grammatik und Rechtschreibung, sondern überhaupt eine gute (journalistische) Schreibe. Die Texte sind in der PR typischerweise sehr positiv verfasst und bestechen durch einfache und klare Sätze. Ich sehe die PR textlich als ein Zwitterwesen zwischen dem hochlobenden Diktus der Werbung und dem nüchternen und kritischen Diktus des Journalismus. Geschrieben werden in der PR beispielsweise Presseaussendungen, Newsletter und Advertorials. Letzteres sind bezahlte Werbeeinschaltungen, die aber vor allem zur Information dienen und den journalistischen Beiträgen ähneln. Natürlich gibt es auch noch viele andere Spielarten von Medienkooperationen. Neuerdings werden auch Texte für Blogs und Social Media von PR Agenturen getextet.

Das eine Ziel

Die PR hört heute schon lange nicht mehr bei den klassischen Bereichen auf. Da gibt es PR-Agenturen die sich auf Compliance oder Litigation PR spezialisiert haben, oder mit Video PR, Storytelling oder Content Marketing ganz neue Felder beackern. Zusammenfassend hat das ganze Spektrum der Public Relations trotzdem ein konkretes Ziel: Möglichst positive Geschichten über den Kunden zu verbreiten.

Laut Meier [ref]Meier, Klaus (2010): Crossmedialer Journalismus. Eine Analyse redaktioneller Konvergenz. In: Hohlfeld, Ralf (Hg.): Crossmedia – wer bleibt auf der Strecke? Beiträge aus Wissenschaft und Praxis. Berlin, Münster: Lit, S. 94–110.[/ref] findet Konvergenz aufgrund von

  • Medientechnik (Digitalisierung)
  • Medienrezeption (Internet)
  • Marktentwicklung

statt. Damit verändert sich auch die Arbeits- und Organisationweise von Journalismus. So ist immer häufiger ein crossmedialer Newsdesk bzw. ein integrierter Newsroom anzutreffen. Ressort-, programm- und medienübergreifendes Arbeiten wird immer wichtiger. Der Newsdesk ist eine Produktions- und Koordinationszentrale und ist das Zentrum des Newsrooms. Beispiele sind etwa der Springer Newsroom oder der Newsroom der WAZ-Gruppe.

Jakubetz[ref]Jakubetz, Christian (2010): Crossmedia – und die Tücken des Alltages. In: Hohlfeld, Ralf (Hg.): Crossmedia – wer bleibt auf der Strecke? Beiträge aus Wissenschaft und Praxis. Berlin, Münster: Lit, S. 233–238[/ref] postuliert, dass Journalisten zukünftig zumindest Grundkenntnisse audiovisueller Produktion haben müssen. Während früher Journalisten einfach gute Geschichten schreiben mussten, ist heute strategisches Denken hinsichtlich der Aufbereitung für verschiedene Plattformen gefragt. Das scheitert noch oft am unflexiblen Denken. Außerdem gibt es nach wie vor einige Probleme wie inkompatible CMS, ständige Veränderungen, neue Arbeitsgewohnheiten ohne Redaktionsschluss und Überalterung in der Redaktion und damit zu wenig digitale Kompetenz.

Funny und ein kleiner Stich ins Publizistik-Herz

Your career options as a Publizistik student in Vienna

publizistik

Das steht so im wirklich gut gemachten tumblr-Blog When you really study in Vienna. Ganz so schlimm ist es dann aber auch nicht. Viele Studienkollegen haben gleich nach dem Studium eine gute Stelle bekommen. Voraussetzung sind allerdings massig Praxiserfahrungen und die erwirbt man sich am besten mit Praktika neben dem Studium.

tri-medial_workingHier will ich zwei Aufsätze aus dem Sammelband „Tri-medial working in European local journalism“ wiedergegeben. Das Sammelband gibt es – mit anderen Seitenzahlen als in der gedruckten Ausgabe – hier zum Downloaden. Bei den zwei Aufsätzen handelt es sich um:

Paukens, Hans; Uebbing, Sandra (2006): Introduction – Prospects of TRIMEDIAL. In: Paukens, Hans; Uebbing, Sandra (Hg.): Tri-medial working in European local journalism. München: Reinhard Fischer, S. 7–12.

Rahofer, Meinrad; Weber, Stefan (2006): Bi-Medialization and Europization: The Journalistic Work in Austria. In: Paukens, Hans; Uebbing, Sandra (Hg.): Tri-medial working in European local journalism. München: Reinhard Fischer, S. 71–90.

Introduction

In der Einführung machen Hans Paukens und Sandra Uebbing klar, dass heute ein oft gehörter Slogan in der Medienszene postuliert: „Ein Inhalt für alle Medien“. Dieser Slogan widerspiegelt die derzeitige Transformation der journalistischen Arbeit. Für Journalisten bedeutet das eine ständige Veränderung der Profession und mehr multimediale Kompetenzerfordernisse. Dabei zeigt sich europaweit im Journalismus eine Tendenz zum multimedialen Arbeiten. Während Bulgarien im Vergleich mit anderen Ländern dem multimedialen Arbeiten hinterher hinkt, ist das multimediale Arbeiten in Rumänien schon stark umgesetzt und in Belgien, Dänemark, Deutschland und Österreich scheint die Entwicklung ziemlich gleichauf zu sein.

 

Bi-Medialization and Europization: The Journalistic Work in Austria
Meinrad Rahofer, Stefan Weber

Die beiden Autoren zeigen: Die Bimedialität beschränkt sich meistens auf die Umwandlung der Print-Inhalte für Web. Laut ihren Studienergebnissen arbeiten bereits 45 % der Journalisten bimedial. Wobei Rahofer und Weber unter „monomedial“  so definieren, dass der journalistische Output nur in einem Medienkanal veröffentlicht wurde. Ich halte diese Definition für wenig sinnvoll, denn damit zählt auch ein Journalist als bimedial, wenn er beispielsweise seinen Text in einem Word-File dem Onlineredakteur schickt und der dann daraus einen Onlineartikel bastelt. Sich auf den journalistischen Output zu konzentrieren zeigt zwar die Mehrfachverwertung von Inhalten auf, aber sagt wenig über die tatsächlich multimedialen Tätigkeiten von Journalisten aus.

Die beiden Autoren meinen dann auch, dass zumindest echte trimediale Arbeit meistens nur von Freelancern (Freien) ausgeübt wird. Kompetenzlücken gibt es bei den Journalisten nicht nur beim Umgang mit CMS-Systemen sondern auch in allen Bereiche des Onlinejournalismus. Was sind die wichtigsten Ergebnisse?

  • „Real‘ tri-medial work – covering print media, radio/TV and the net – is still an exception and can possibly mainly be found by some freelancers offering their ideas and stories to many media and adapting them to all media channels.
  • But already at least about fifty percent of the journalists do bi-medial work. In Austria, at the moment, this mainly means converting print articles to the web (doing an online edition of a printed media), but of course also converting radio or TV reports to the web.
  • At the moment, bi-medially working journalists see their lack of competence in the field of content management systems and in all areas connected to online journalism.
  • So the main gaps of Austrian journalists are a missing bi-medial competence and a lacking European/international horizon in their work. Bimedialisation and ‚Europization‘ seem to be the major empirical facts to which the Tri-medial project reacts.“(Rahofer; Weber: 2006: S. 57f; Seitenangabe bezieht sich auf PDF-File)

Zusammenfassung: Daniels, George L.; Hollifield, C. Ann (2002): Times of Turmoil: Short- and long-term effects of organizational change on newsroom employees. In: Journalism & Mass Communication Quarterly 79 (3), S. 661–680.

Eine interessante Studien zu den Einstellungen von Journalisten kommt von George L. Daniels und Ann C. Hollifield. Eingangs erwähnen sie, dass der Grund für die hohe Attraktivität des Journalistenjobs die Abwechslung und Vielfältigkeit sind.

In ihrer Längsschnittstudie untersuchen sie die Einstellungen von Journalisten der Nachrichtensendung CNN Headline News. Dabei stellten sie fest, dass Veränderungen in der Organisation zu reduzierter Jobzufriedenheit und reduziertem Engagement führen sowie das Kündigungspotential erhöhen.

Gutes Change Management versucht da

  • Problem zu identifizieren
  • den Change Process einzuleiten
  • diesen zu beobachten und zu unterstützen

Change Management und die Möglichkeit am Wandel zu partizipieren/mitzugestalten verringert Kündigungsabsichten. Durch den Wandel braucht es Journalisten mit neuen Fähigkeiten. Dabei bleibt weniger Zeit für Inhalte und es wird mehr Zeit für die Technik investiert.

Bei CNN Headline News waren große Veränderungen geplant. Es zeigt sich in der Studie, dass die Journalisten negativ dem Wandel gegenüber eingestellt waren. Das verändert auch die Stimmung innerhalb der Redaktion. Wobei hier die Journalisten vor allem ihre intrinsischen Motive bedroht sehen (z.B. Qualität ihres Produktes). Ältere Journalisten sind signifikant reservierter als jüngere Journalisten gegenüber den Veränderungen. Allerdings zeigt sich grundsätzlich, dass sich die Einstellung mit der Zeit wieder verbessert. Dabei zeigt sich auch, dass sich die Einstellung gegenüber dem Wandel schneller wieder verbessert als gegenüber dem Management, der diesen eingeleitet hat.