Jetzt ist es passiert: Boardwalk Empire interessiert mich nicht mehr, dabei habe ich es Anfang September noch empfohlen. Die Mafia-Story wurde irgendwann fad, da ist es mir gleich wie mit der Serie „The Sopranos“ ergangen. Ist auch naheliegend, immerhin stammen beide aus der Feder von Terence Winter. Nun ja: Eine Serie weg, drei neue dazu.

EnlightenedNatürlich auch wieder was von HBO. Seit Oktober läuft im amerikanischen Kabelsender „Enlightened„. Eine Serie über das verworrene Leben einer mindestens genauso verworrenen Frau, deren Leben auseinanderbricht. Nach einem Nervenzusammenbruch, will die Haupfigur Amy ihr Leben wieder auf die Reihe bekommen. Das ist aber gar nicht so einfach, mit einem unbefriedigenden Job, einer kaltherzigen Mutter und einem drogensüchtigen Ex-Mann. Trotzdem, nach einem Theraphieaufenthalt in Hawaii glaubt sie an die „Selbsterleuchtung“ und ist voller Tatendrang der Welt und ihren Mitmenschen Gutes zu tun. Funktioniert nur leider nicht so gut, immer wieder fällt sie in alte Verhaltensmuster zurück und überrascht den Zuseher mit handfestem Egoismus. Ihr ganzes „Hippie“-Darsein wirkt so oberflächlich und gekünstelt. Eine Art, die ja gerade Europäer gerne den US-Amerikanern vorwerfen. Die Serie veranschaulicht mit Humor und Dramatik die Kluft zwischen dem Traum eines neuen, besseren Lebens einerseits und den gesellschaftlichen Zwängen und alten Denkweisen andererseits.

Sons of AnarchyGanz andere Probleme haben da die Sons of Anarchy. Der Titel ist Programm. In der Serie geht es um einen Motorradklub, der jede Menge linker Dinger dreht. Derbe Sprache, viel Gewalt und eine Einführung in das Leben solcher Outlaws inklusive. Was will man(n) mehr. Produziert wird die Serie von FX Networks.

JustifiedFX Networks gehört mit Showtime, HBO und AMC zu den großen „big four“ der amerikanischen Kabelsender, viel hat man von ihnen in letzter Zeit trotzdem nicht gehört. Da ist überraschend, dass sie neben Sons of Anarchy gleich noch einen Kracher im Gebäck haben. Justified handelt von einem ziemlich schießwütigen US Marshal, der in seine Heimatstadt in Kentucky versetzt wird. Alles in allem handelt sich es dabei um eine Art modernen Western. Ich mag ja, wie in Film und Serien die Südstaaten in Szene gesetzt werden, egal ob bei True Blood, No Country for Old Man oder eben Justified. Dieser raue Charme hat jedenfalls etwas ganz Spezielles.

 

Rezension. „Tödliche Fracht. Das heimliche Geschäft mit Waffen und Drogen“, lautet der deutsche Titel des Buches von Matt Potter. Der britischen Journalisten arbeitete unter anderem als BBC-Korrespondent in vielen krisengeschüttelten Ländern. So berichtet er auch aus dem Serbien Miloševi?s. Die UNO hatte damals ein striktes Embargo gegen das Land erlassen. Umso mehr wunderte sich Potter, dass Waffen und Drogen trotzdem in Hülle und Fülle vorhanden waren. Wie konnte das geschehen und warum wiederholt sich das immer wieder in jedem Krisengebiet der Welt?


Zusammenbruch der Sowjetunion und die verheerenden Folgen

Potter beantwortet diese Frage durchaus vielschichtig und beginnt dabei mit dem Ende der Sowjetunion. Denn gemeinsam mit dem riesigen Staatsgefüge, ging auch die größte Armee der Welt unter. Was das bedeutete, kann niemanden glücklich stimmen: Es war der Startschuss für einen monströsen Waffen-Ausverkauf  – von der AK47 bis hin zum Panzer oder Kampfhubschrauber. Die Käufer sind nur allzu oft fragwürdige Gestalten. Einen Eindruck was für ein Weihnachtsfest das für Waffenhändler gewesen sein muss, liefert übrigens der sehr empfehlenswerte Hollywoodstreifen „Lord of War“ mit Nicolas Cage. Die illegalen Waffen müssen aber natürlich auch noch an ihren gewünschten Bestimmungsort gebracht werden. Und auch da konnten findige Geschäftsleute vom Tod der Sowjetunion profitieren: Denn über Nacht wurden unzählige gut ausgebildete und kampferprobte sowjetische Piloten mit samt deren Crew arbeitslos, die dringend wieder einen neuen Job brauchten. Und so kam es laut Potter, dass diese ehemaligen Soldaten mit den gleichen Militärtransportmaschinen – meist die Il-76 – weiterflogen, diesmal aber für private Unternehmen. Nur diese Leute trauten sich in die Krisengebiete von Afghanistan, über Irak bis hin zum Kongo. Potter begleitete eine solche Crew bei ihren Flügen. Sehr detailliert schildert er wie offiziell Güter für ehrbare NGOs (Nichtregierungsorganisationen) oder UNO geflogen wird und sich in den geheimen Kammern der Flugzeuge Waffen und Drogen verstecken. Der Autor beschreibt sehr drastisch, wie das gleiche Flugzeug sowohl rettende Medikamenten als auch todbringende Waffen etwa nach Afrika liefert. Das Buch beschäftigt sich ausgiebig mit so einem Piloten und seiner Crew: Mickey heißt der Pilot im Buch, der diese paradoxe Industrie mit Achselzucken kommentiert. Für ihn ist das ein normaler Job, so wie Taxi fahren. Er fliegt dorthin wo man ihn braucht, Befehle werden in soldatischer Manier angenommen und umgesetzt. An solchen Leuten besteht zweifelsohne ein weltweiter Bedarf: Teil zwei des Buches handelt auch vom ehemaligen Jugoslawien, Teil drei beschäftigt sich mit dem Nahen Osten und Afrika, Teil vier mit Afghanistan und den Irak, Teil fünf mit Zentralamerika und Horn von Afrika und Teil sechs mit Ostafrika und Russland. Damit zeigt sich auch die globale Dimension des organisierten Schmuggelhandels.


Anfangs spannend, dann langweilig
Leider muss man aber auch sagen: So spannend das Buch auch ist und so kompliziert die Hintergründe, insgesamt 397 Seiten hätte es dafür nicht gebraucht. Denn die Ländern ändern sich im Verlauf, die Geschichten bleiben aber die gleichen: Der Schmuggelhandel ist nicht zentral, es gibt keinen „Mr. Big“, alles ist lose organisiert. Hilfsgüter werden in Krisengebiete zu günstigen Konditionen geflogen, verdienen tut man dann mit den mitgenommenen „destabilisierenden Gütern“. Der Verdacht steht im Raum, dass das zum Teil von gewissen Regierungen gedeckt ist. Ausgeführt werden diese Transporte vor allem von Piloten aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion, die das aus einer Mischung von Überlebenswillen und Gleichgültigkeit machen. Der Job ist brutal risikoreich, viele sind aufgrund mangelnder Wartung abgestürzt oder wurden abgeschossen. Darum geht es in dem Buch und das hätte man auch auf 200 Seiten erzählen können. Matt Potter liefert trotzdem ein eindrucksvolles Bild über die geheimen Transportwege dieser Welt, an denen noch ein jedes Embargo zerschellt ist.

Es gibt allen Grund zu lachen: Die Comedy-Show It’s Always Sunny in Philadelphia ist mit der siebten Staffel zurück. Eine der Hauptrollen wird vom großartigen Danny DeVito gespielt. Für zart besaitete Menschen ist die Show allerdings nichts. Denn die Grenzen des guten Geschmacks werden gerne und oft ausgelotet. Immerhin fehlt den Figuren jegliches moralische Gewissen und auch Anstand und Sitte kennen sie nicht. Eine tote Prostituierte wird da schon mal schnell entsorgt, oder der verliebte Pfarrer manipuliert und in den Ruin getrieben.

Copyright: FXNetworks

Family Guy
Zum Brachialhumor zählt auch Family Guy. Die Comicserie handelt vom geistig zurückgebliebenen und schwer übergewichtigen Peter Griffin und seiner Familie. Peter erlebt die absurdesten Dingen, die Serie spart nicht mit Seitenhiebe auf High-Society, Film- und Fernsehbranche. Genial auch die Figur des jüngsten Griffin-Familienmitglied: Stewie. Der ist zwar noch ein Baby, aber klüger als Albert Einstein, Niels Bohr und Stephen Hawking zusammen. So hat er etwa eine Zeitmaschine gebaut. Dafür scheint er nur einen Freund zu haben: Den sprechenden Familienhund Brian. Dass der als einziges Tier reden kann, wird aber nie thematisiert. Genausowenig wie seine häufigen Beziehungen zu Frauen, also Sodomie pur. Dem Publikum jedenfalls gefallen die schrägen Charaktäre: Die Serie läuft bereits in der zehnte Staffel und ein Ende ist nicht in Sicht. Ein Glücksgriff vom Schöpfer Seth MacFarlane.

Copyright: Fox

American Dad
Wobei mit Glück dürfte das nichts zu tun haben. MacFarlane sprudelt nur so von Ideen. So hat zeitgleich mit Family Guy auch seine zweite Comicserie „American Dad!“ wieder gestartet. Darin geht es um den etwas gefühlsarmen CIA-Agent Stan Smith. Der ist eingeschworener Republikaner und unglaublich waffennärrisch. Wie bei Family Guy gibt es so einige skurrile Figuren.  Vor allem der alkoholsüchtige wie schräge bisexuelle Alien Roger begeistert. Oder Klaus, ein Goldfisch indem das Gehirn eines ostdeutschen Schispringers verpflanzt wurde.

Copyright: Fox

Breaking Bad
Egal wie das Wetter ist: Der Herbst wird heiß! Denn die neuen Staffel dreier großartiger Serien stehen am Start. Von Breaking Bad hat die 4 Staffel bereits begonnen. Die Serie handelt vom Highschool-Chemielehrer Walter White, der ins Drogengeschäft einsteigt um seine Krebserkrankung zu finanzieren. Als „Meth-Cook“ macht er Karriere in der Drogenindustrie. Walter White wird von Bryan Cranston gespielt, der aus Malcom mittendrin bekannt ist. Producer Vince Gilligan hat mit Breaking Bad eine der besten Serien der letzten Jahre geschaffen. Nicht nur Walter Withes Kunden werden süchtig, auch jeder Fernsehzuseher wird schnell mehr brauchen.

The Walking Dead
The Walking Dead gibt es laut next-episode.net wieder ab 16. Oktober im amerikanischen Kabel-TV. Sheriff Rick Grimes wird angeschossen und fällt ins Koma. Als er im Krankenhaus wieder erwacht, ist niemand mehr da. Verwirrt stapft er durch die Krankenhausgänge. Er sieht Blut, Einschusslöcher und dann eine schrecklich entstellte Leiche. Bald wird klar, Menschen habe sich in Zombies verwandelt. Nur mehr wenige Menschen kämpfen verzweifelt ums Überleben. Die Erfolgsshow von AMC basiert auf die gleichnamige Comicbuchreihe von Robert Kirkman. Im Gegensatz zu vielen anderen Zombiefilme überzeugt The Walking Dead mit mitreißender Vielschichtigkeit und Tiefe. Die Comicbuchreihe ist für seinen dunklen Charakter bekannt, viel Platz für Hoffnung bleibt nicht. Und auch in der TV-Serie bangt man mit den Figuren, dass sie endlich Zuflucht zu einem sicheren und friedlichen Ort finden. Das allein wird freilich nicht so bald passieren.

 Boardwalk Empire
Ab 25. September auch wieder dabei: Boardwalk Empire. Die HBO-Serie spielt in Antlantic City zur Zeit der Prohibition, mit dem genialen Steve Buscemi in der Hauptrolle. Der korrupte wie kriminelle Politiker Enoch „Nucky“ Thompson nutzt seinen Einfluss um an der Macht zu bleiben und viel Geld zu verdienen. Die Konkurrenz schläft aber nicht. Der fiktive Nucky Thompson hat übrigens auch ein reales Vorbild: Enoch L. Johnson. Der hatte in Atlantic City tatsächlich unterschiedliche politische Ämter inne, wie etwa Schatzmeister und auch er scheint es mit den Gesetzen nicht so genau genommen zu haben. Der Schöpfer der Serie, Terence Winter, hat bereits Erfahrung mit dem in Szene setzen von Kriminellen: Er schrieb und produzierte die ebenso erfolgreiche Serie „The Sopranos„.

Wer kennt das nicht? Die unangenehmen Dinge verschiebt man immer wieder, die Zeit füllt man derweilen mit nutzlosem aber unterhaltsamen. Prokrastination heißt das wissenschaftlich ausgedrückt. Und das geht mit nichts besser als Fernsehen. Als Student bietet sich prokrastinieren vorallem in der Prüfungswoche an. Ok, eigentlich nicht – aber egal. Natürlich braucht man immer neuen Stoff und der kommt – wie soll es anders sein – aus der USA.

30 Rock
30Rock ist eine Sitcom von Tina Fey, die davor bei Saturday Night Live mitgearbeitet hat. Die Story kurz und knapp: Im 30. Stock des Rockefeller Centers wird eine Live-Show für NBC aufgenommen, von der Liz Lemon (Tina Fey) die Chefautorin ist. Gute Ausgangslage um die Fernsehindustrie gehörig aufs Korn zu nehmen. Wer eine geistige Auszeit will und leichte Unterhaltung mag, kommt bei 30Rock voll auf seine Kosten. Ich brauchte ein paar Folgen, bis ich die Show mochte. Einige Sketches hätte man sich sparen können, andere sind dafür umso besser.

Cougar Town
Cougar Town ist auch eine neue Sitcom aus der USA. Hauptdarstellerin ist Courteney Cox, die man bereits aus der erfolgreichen Sitcom „Friends“ kennt. Cox spielt in der Serie eine attraktive 40-jährige Single-Mum: mit Ex-Ehemann, Freunde und allerlei männliche Bekanntschaften. Die Serie gehört nicht zu meinen Favorits, ist aber trotzdem empfehlenswert. Als 25-Jähriger gehöre ich wahrscheinlich auch nicht zur Zielgruppe.

Deadwood
Eher abraten würde ich vom HBO-Westerndrama Deadwood. Einerseits war ich nie so sehr ein Fan von Western, andererseits ist das Englisch in der Serie sehr schwer zu verstehen. Das kann man aber auch als Kompliment an die Schauspieler verstehen, die diesen argen Slang üben mussten. Zwar baut die Serie einige spannende Momente auf, wirklich mitgerissen von der Story wurde ich aber nicht.

[Kuch, Kurt (2011): Land der Diebe. 1. Aufl. Salzburg: Ecowin Verlag.
€ 22,90. 237 Seiten]

Aufdeckungsjournalist Kurt Kuch kreidet Korruption, Nepotismus und Schamlosigkeit an

Die österreichische Politik ist aufregend wie selten zuvor. Für schwache Mägen ist diese Achterbahn der Korruptionsskandale und Enthüllung aber nichts, zu leicht könnte das zum Erbrechen führen. Ausgekotzt hat sich im wahrsten Sinne des Wortes Kurt Kuch. Provokativ ist er dabei in seinem Buch von Anfang an. So lautet der Titel „Land der Diebe“ und das Buchcover ziert ein Ausschnitt des österreichischen Bundesadler, in seiner Kralle ein Haufen Geldscheine. Als Aufdeckungsjournalist für das Nachrichtenmagazin News tätig, hat Kuch im Laufe der Jahre unzählige Informationen zu den Machenschaften der Parteien gesammelt. Möglich machte das sein weites Netzwerk an Informanten. Kein Wunder, dass von verschiedenen Seiten versucht wurde, die Namen dieser Informanten aus ihm herauszupressen, übrigens in völliger Missachtung des Redaktionsgeheimnisses. Diesem Netzwerk hat er auch zu verdanken, dass ihm Datensätze eines Computers der Freiheitlichen in Kärnten zugespielt wurden.

Kreative Parteienfinanzierung

Und was da für welche Rechnungen zu finden waren, sorgte für mediale Aufmerksamkeit. Im Mittelpunkt steht die Werbeagentur Connect, die bis zur Stilllegung zu 100 Prozent im Eigentum der Freiheitlichen in Kärnten war. Connect versprach beispielsweise dem Kärntner Anwalt Gert Seeber Aufträge des Landes Kärnten und erhielt dafür im Gegenzug saftige Provisionen. Rechnungszwecke waren Layout-Beratungen, Recherchen oder Marketing-Konzepte. Wohl nicht nur Kuch dachte sich da: „In meinem nächsten Leben werde ich Layout-Berater“. Aufgrund Kuchs Veröffentlichungen musste mittlerweile der Geschäftsführer Manfred Stromberger zurücktreten. FPK-Obmann Uwe Scheuch lehnt alle Verantwortung daran ab, er hätte nichts davon gewusst. Der Fall ist spektakulär und wurde erst durch die Buchveröffentlichung publik, leider werden dadurch ältere – im Buch beschriebene – Skandale kaum beachtet. Dabei gibt es noch einige atemberaubende Geschichten.

Weniger Geld für Kinder, mehr für Politiker

So zum Beispiel der Fall Habsburg. Kuch wurde 1998 darauf aufmerksam gemacht, dass Spendengelder von „World-Vision“ verschwunden sind. World-Vision ist eine Hilfsorganisation und sammelt für notleidende Kinder in Afrika. Wie sich später herausstellte, wurden von World-Vision 10.000 Wahlwerbebriefe für den Wahlkampf von Karl Habsburg sowie mehrere Ausgaben der Paneuropa-Zeitung bezahlt; die Paneuropa-Bewegung unterstützte Karl Habsburg massiv.

Dieser gab sich über die Vorwürfe „erschüttert“ und zahlte die missbräuchlich verwendeten Gelder zurück. Die damalige World-Vision-Chefin wurde 2004 schließlich zu drei Jahren unbedingter Haft verurteilt. Kuch begegnete ihr zufällig 2005 im Café Schwarzenberg. Warum war die Dame nicht in ihrer Zelle? – Die Behörden hatten „vergessen“ ihr den Haftantrittsbescheid zuzustellen! Die einstige World-Vision-Chefin flüchtete daraufhin und wieder ließ sich die Justiz viel Zeit bis ein Haftbefehl ausgestellt wurde. August 2005 klickten dann aber die Handschellen, die drei Jahre Haft sollten jetzt angetreten werden. Unvorstellbar: Bereits im Februar 2006 bekam Kuch den Hinweis, dass sich die Dame wieder in Freiheit befindet. Der Anstaltsleiter hatte den „gelockerten Vollzug“ genehmigt, weil die Dame „nicht fluchtgefährdet“ sei. Dass sie zuvor schon geflüchtet war, hat man anscheinend vergessen. Im gleichen Zeitraum wurde sie Alleineigentümerin und Geschäftsführerin einer Vermögensverwaltungsfirma. Auch das war nur möglich, weil die Justiz wieder auf etwas vergaß: nämlich der zuständigen Gewerbebehörde mitzuteilen, dass ihr Gewerbeschein zu löschen ist.

Kleine Häppchen im News-Stil

Diese und andere Skandale, die großen und die kleineren, hat Kurt Kuch zusammengetragen. Auf den 237 Seiten werden die komplexen Geschichten aber nur angerissen. Der Schreibstil entspricht dem der Zeitschrift News: leicht und vor allem schnell lesbare Kost. Der Stil ist angriffig und oft sogar polemisierend. Mit jeder Zeile die man liest merkt man, nicht nur man selbst bekommt eine unendliche Wut ob sovieler Ungerechtigkeiten, auch dem Autor erging es so. Kuch hält was er im Vorwort verspricht: „Das Buch ist eine Generalanklage.“ Es wäre aber wünschenswert gewesen, wenn er sich um mehr Lösungsansätze und Auswege aus dem Filz bemüht hätte. Was sollte konkret gesetzlich gemacht werden? Wie kann das politische System verbessert werden? Wo brauchen wir mehr Transparenz? Das sind Fragen, die leider nur im Vorwort und im Epilog angerissen wurden. Trotzdem zeichnet das Buch ein umfangreiches wie vernichtendes Sittenbild von Österreich. Kuch bringt das treffend auf den Punkt: „Wien liegt nicht nur aus geografischer Sicht östlich von Prag.“ Das riesige Medieninteresse daran und Platz Nr. 1 bei Sachbüchern in Österreich ist sicher gerechtfertigt. Korruption interessiert scheinbar nicht nur Strasser, Grasser, Scheuch & Co. – für alle gilt die Unschuldsvermutung – sondern auch die Steuerzahler.

Wir alle kommen früher oder später in die Verlegenheit präsentieren bzw. referieren zu müssen. Manchen fällt das leicht und haben dabei sogar Spaß – für andere ist das der reine Horror. Tipps für die richtige Präsentation gibt es wie Sand am Meer, aber am meisten hilft sicher Übung. Trotzdem habe ich hier kurz & knackig ein paar wichtige Hinweise zusammengefasst.


Die Lautstärke

Der Redner sollte von jedem mühelos verstanden werden. Die Lautstärke dient neben dem Tempo auch zum Hervorheben von Aussagen durch Veränderung. Konstante Lautstärke wirkt ermüdend und sollte daher vermieden werden. Um eine größere Aufmerksamkeit bei den Zuhörern zu erreichen, kann eine laute aber auch eine leise Stimme eingesetzt werden.

Mögliche Lautstärkevariationen sind: flüstern, leise, normal, laut, brüllen.


Die Geschwindigkeit – das Tempo

Besonders am Anfang und am Ende einer Rede muss langsam und deutlich gesprochen werden. Zu Beginn muss die Aufmerksamkeit gewonnen werden, am Ende kann eine Handlungsaufforderung mitgegeben werden. Schnelles Sprechen zeigen Unruhe, Rastlosigkeit und Unsicherheit. Das Tempo muss der Aufnahmekapazität der Teilnehmer entsprechen und der jeweiligen Situation angepasst sein.

Folgende Tempovariationen sind möglich: stockend, langsam, mittel, schnell, hastig, dynamisch, flüssig, rhythmisch, pausenlos, lange Pausen, Wortdehnungen.


Artikulation

Die Aussagen sollen klar und akustisch gut verständlich sein. Wertungskriterien sind dabei: deutlich, überdeutlich, nuschelnd, Verschlucken einzelner Silben, näselnd, stotternd, lispeln, Hochsprache, Dialektfärbung, Dialekt


Betonung (Modulation)

Bedeutungsvolles wird speziell betont und dadurch unterstrichen. Trotzdem sollen Anfangs- oder Endsilben der Wörter nicht übermäßig betont werden. Ebenso starke Wortdehnungen wirken gekünstelt.

Die Stimmlage soll sich verändern, da sie sonst monoton wirkt. Der Tonfall umfasst das wechselnde Tempo, die Lautstärke, Tonhöhen und Pausen.


Wortwahl

Wichtig für gutes Reden ist auch der Umfang des Wortschatzes. Aber der Zuhörer soll die Wörter auch verstehen.


Stimmlage

Durch die kontinuierliche Steigerung der Tonhöhe und des Sprechtempos bis zum entscheidenden Satz, kann man das Publikum fesseln – nach einer kurzen Wirkungspause kommt die Kernaussage. Ansonsten ist die Stimme am Satzende zu senken.


Timbre

Darunter versteht man die Klangfarbe der Stimme, also z.B. schrill, dunkel, melodisch oder donnernd.


Atmung

Um der Stimme Klang zu geben, genügt die Bauch-Atmung, die wir auch normalerweise verwenden. Bei der Bauch-Atmung hebt und senkt sich die Bauchdecke. Üben können wir unsere Atmung, indem wir beim Ausatmen laut und langsam mitzählen und die Geschwindigkeit des Atemstromes kontrollieren.


Pausen

Wenn wir reden, kommen uns die Pausen oft länger vor als dem Publikum. Dabei können Pausen sehr wirkungsvoll eingesetzt werden. Unsere Zuhörer haben durch Pausen Zeit das Gesagte zu verarbeiten und sie sorgen außerdem für Spannung. Durch eine längere Pause wird die Gewichtigkeit des Gesagten hervorgehoben und prägt sich daher besser dem Zuhörer ein.

Darüber hinaus dienen Pausen zur Gliederung.

fabian greiler, medienrecht, univie, studium

Am 25. April können die Österreicher den Bundespräsidenten wählen. Im Vorfeld der Wahl wird diskutiert ob das Amt des Bundespräsidenten abgeschafft werden soll und ob ein Bundespräsident noch zeitgemäß oder gar „Geldverschwendung“ ist. Der Bundespräsident nimmt heute vor allem repräsentative Aufgaben war. Vielleicht ist deswegen vielen nicht bewusst, welche umfangreichen Kompetenzen der Bundespräsident besitzt. Zum Beispiel nimmt er eine wichtige Stellung bei der Regierungsbildung nach einer Nationalratswahl ein.

Es liegt nämlich in der freien Entscheidung des Bundespräsidenten, wen er zum Kanzler bestellt. Dass die freie Entscheidung des Bundespräsidenten kursiv geschrieben ist, hat seine Berechtigung. Der Bundespräsident muss sich in der politischen Praxis an die Parteien orientieren, die die meisten Mandate haben. (vgl. Welan, 1994: S. 7) [1. WELAN, Manfred: REGIERUNGSBILDUNG. Diskussionspapier Nr. 26-R-94. 1994 In: http://www.boku.ac.at/wpr/wpr_dp/dp-26.pdf (14.03.2010]  Dies auch, weil eine Regierung mit einem Misstrauensvotum gestürzt werden kann und das Ergebnis dieses Misstrauensvotums für den Bundespräsidenten bindend ist. Die Person, die vom Bundespräsidenten zum Kanzler bestellt worden ist, wird sich auf die Suche nach einer Mehrheit im Parlament (genauer im Nationalrat) machen. Meist wird in Österreich die Mehrheit nur durch eine Koalition erreicht. Hat der Kanzler die nötige Mehrheit gefunden, wird er dem Bundespräsidenten die Minister vorschlagen. Dieser hat das Recht einzelne Minister oder auch Staatssekretäre abzulehnen. (vgl. Wikipedia, 2010) [2. WIKIPEDIA: http://de.wikipedia.org/wiki/Bundespräsident_Österreich (14.03.2010] Ist er einverstanden, gelobt er die Regierung an.

Die Abhängigkeiten zwischen BP (Ernennung, Abberufung) und Nationalrat (Misstrauensvotum) sind international betrachtet eine Seltenheit, man spricht daher von Österreich als einer „parlamentarischen Präsidentschaftsrepublik“. Der Bundespräsident hat also tatsächlich umfangreiche Kompetenzen. Weitere sind z.B.: Entlassung der Bundesregierung, Auflösung von Nationalrat oder eines Landtages, Beurkundung von Gesetzen und er ist Oberbefehlshaber des Heeres.

Wer mehr über das Amt des Bundespräsidenten und die anstehenden Wahlen erfahren möchte, hier ein guter Tipp: www.bundespraesident.in Die Seite befindet sich noch im Entstehen, wird aber zukünftig  viele Informationen zur Bundespräsidentenwahl und deren Kandidaten bieten.

 

Diese Rezension war eine Auftragsarbeit für die Politische Akademie über Frank Ochmanns Buch: Die gefühlte Moral. Warum wir Gut und Böse unterscheiden können. Ullstein Bucherverlage GmbH. Berlin: 2008, € 19,90.

An der Wirtschafskrise sind die gierigen und selbstsüchtigen Kapitalisten Schuld. Die Ausländer sind kriminell und gewaltbereit, die Frau wird von der Religion unterdrückt und die Mächtigen knebeln die hilflosen Unterworfenen. Hier die Guten, dort die Bösen.

Wie aber kommt der Mensch zu solchen (Vor-)Urteilen und sind diese gerechtfertigt? Dass es kein Schwarz-Weiß-Schema gibt, mach Frank Ochmann in seinem Buch über die Moral gleich von Anfang an klar. Der Mensch schwankt vielmehr in seinem Leben mal zum Guten mal zum Bösen. Warum aber ist das so? Warum können wir auch gewalttätig, habgierig, sadistisch, heulerisch oder arrogant sein? Warum fehlt es manchen offensichtlich an Mitleid? Steckt vielleicht „das Böse“ von Geburt an in jedem von uns?

Der Autor promovierte in Physik, studierte danach Theologie und lies sich schließlich zum Priester weihen. Gute Voraussetzungen also, um genau diese Fragen zu beantworten. Denn die Moral, früher eine Domäne der Theologie und Philosophie, hat mittlerweile auch Einzug in die Naturwissenschaften gefunden. Die Naturwissenschaft nähert sich der Moral mittels einer biologischen Betrachtungsweise an. Ochmann will hier Schnittstelle zwischen Naturwissenschaft und Geisteswissenschaft sein.

Das Gen für unseren Charakter

Am 26. Juni 2000 wurde im Weißen Haus die „Entschlüsselung des menschlichen Genoms“ proklamiert. Wissenschafter und Journalisten waren euphorisch, die DNA wurde als die „Wirklichkeit unserer Spezies“ bezeichnet. Wenige Jahre später war die Euphorie verblasst und viele Fragen waren unbeantwortet geblieben. Trotzdem, es soll einen biologischen Einfluss auf das Verhalten des Menschen geben. So sieht der französische Psychiater Philippe Courtet bei Jugendlichen mit Selbsttötungsabsichten eine besondere „genetische Verwundbarkeit“. Diese Position ist aber umstritten. Für den Philosophen Michel Onfray ist der Mensch ein Produkt seiner Umwelt. Damit steht er in der Tradition der Empiristen, für die der Mensch „tabula rasa“, also als unbeschriebenes Blatt zur Welt kommt. Der Cousin Charles Darwins, Francis Galton, schrieb hingegen schon im 19. Jahrhundert: Der Mensch wird von Genen aber auch von Erziehung und Erfahrung bestimmt.

Ähnlich sieht das Frank Ochmann und beantwortet gleich die Frage, warum der Mensch nicht nur von den Genen bestimmt wird: Die Bausteine der DNA dürfen nämlich nicht wie ein Blaupause verstanden werden, sondern eher wie die Tasten eines biochemischen Klaviers. Welcher Ton zu hören ist, hängt davon ab, welche Taste zu welchem Zeitpunkt angeschlagen wird. Der genetische Plan in unseren Zellen ist dynamisch und nicht statisch. Über oder neben dem Genom liegt anscheinend noch ein anderer Code, das sogenannte Epigenom, das sich über die Zeit verändert. Aber nicht nur das: Auch unterschiedliche Lebensstile und Wohnorte haben zur Veränderung beigetragen. Es gibt daher keine genetische Vorbestimmung für den menschlichen Geist, für unseren Charakter oder für unsere moralische Gesinnung. Genauso wie es auch kein Sprach-Gen, kein Verbrecher-Gen oder Gott-Gen gibt.

Ewige Moral oder Moral als gesellschaftlicher Konsens?

Moral ist gar nicht so einfach zu fassen, denn erst durch soziale Vereinbarung wird das Gute vom Bösen getrennt. Um Überleben zu können, gliedern und kategorisieren die Menschen die Welt – das hilft schnelle Entscheidungen zu treffen. Vorurteile haben also ihren Sinn. Wenn Menschen Allianzen eingehen müssen, zählt so vor allem das Kriterium der Ähnlichkeit.

Das Mitgefühl

Eine besondere Eigenschaft des Menschen ist die Empathie, also sich in den anderen hineindenken zu können. Wie aber schafft das das Hirn? Erst vor kurzem wurden die Spiegelneurone entdeckt. Sie werden bereits dann aktiviert, wenn wir Handlungen anderer Personen beobachten. Wirft zum Beispiel unser gegenüber einen Ball, sorgen die Spiegelneuronen dafür, dass wir diese Bewegung in unserem Hirn nachahmen. Dieses  Hineinfühlen in andere kann sehr weit gehen. In einem Experiment wurden Liebespaare schwache Stromschläge versetzt. Wenn auch nur ein Partner einen Stromschlag erlitt, wurde das im Gehirn des anderen Partners wie als eigener Schmerz empfunden.

Die Hirnforschung hat ebenfalls gezeigt, dass es uns gut tut, gut zu sein. Denn dann wird das Belohnungssystem des Gehirnes aktiviert. Warum aber sind dann viele Menschen egoistisch? Weil das Gehirn immer auf der Suche nach Belohnung ist und Belohnung wird als ein gutes Gefühl empfunden. Zum Beispiel reagieren Menschen sehr negativ, wenn zwischen ihnen und anderen große Ungerechtigkeit herrscht. Stehen sie aber selbst auf der bevorzugten Seite, erzeugt dass zumindest primär ein gutes Gefühl. Wie sehr wir aber mit anderen mitempfinden, hängt auch stark von der Sympathie für denjenigen ab.

Böse Triebe

Im Kapitel „Böse Triebe“ macht sich Ochmann auf die Spur von Gut und Böse. Böse ist dabei allerdings nicht absolut vorgegeben, sondern von den gesellschaftlichen Erwartungen abhängig. So ist die Todesstrafe in manchen Ländern etwa ein legitimes Mittel der Bestrafung, in anderen Ländern unmoralisch. Wie aber kommt der Mensch überhaupt zu sozialem und moralischem Denken? Ochmann verweist vor allem auf psychologisch-biologische Untersuchungen. Eine wichtige Rolle spielen der präfrontale Kortex und die sogenannten Amygdalae im Gehirn. Sehr erstaunlich ist da zum Beispiel die Geschichte eines Mannes, dessen präfrontaler Kortex durch einen Unfall schwer beschädigt wurde. Weder seine Intelligenz noch seine Gedächtnisleistung litten darunter, aber er war fortan unfähig soziale Verhaltensregeln einzuhalten. Sein gesamtes soziales Verhalten änderte sich grundlegend.

Wie aber kommen wir dann zu unseren moralischen Standards? Auch hier bringt Ochmann wieder viele interessante wissenschaftliche Beispiele. Vor allem durch Mimik, Gestik und Urteile der Eltern wird dem Kind gezeigt, was gewünscht und was nicht gewünscht ist. Allerdings setzt sich das Kind mit den moralischen Regeln sehr wohl kritisch auseinander. Auch die Idee, dass die Vernunft die Moral bestimmt, wird entzaubert. So scheint es besonders wichtig für gutes Handeln, auch die passenden Gefühle dazu zu haben. „Der emotionale Hund wackelt mit dem rationalen Verstand.“

Im abschließenden Kapitel geht Ochmann darauf ein, wie wichtig moralische Normen für den gesellschaftlichen Zusammenhalt sind. Wichtig ist auch, dass an diese Normen alle Mitglieder der Gesellschaft partizipieren.

Frank Ochmann hat es mit der „Die gefühlte Moral“ geschafft, ein schwieriges Thema klar und gut verständlich aufzubereiten. Dabei baut er auch sein theologisches Wissen ein und ergänzt damit die Fülle der wissenschaftlichen Fakten. Gewürzt wird das Buch mit einem Schuss Humor. So kann man staunen über die neueste wissenschaftlichen Erkenntnisse, um  dann wieder zu schmunzeln. Das macht das Buch kurzatmig und lesenswert.

Rezension: Engelbert Washietl, Eva Pfisterer (Hg.): Gerechtigkeit – um die rechte Führung des Lebens. LIT Verlag GmbH & Co. KG. Wien: 2009, € 19,90. Diese Rezension entstand als Auftragsarbeit für die Politische Akademie.

Die Frage nach Gerechtigkeit ist immer brandaktuell. Die Krise scheint die Welt fest im Griff zu haben, aber wer ist schuld daran – einzelne Bankenmanager oder das ganze System? Der Begriff Gerechtigkeit umfasst nicht nur die wirtschaftliche Dimension. Erwin Pröll beschreibt in seinem Vorwort treffend die Vielfältigkeit des Begriffes: Diskutiert wird über die innerstaatliche soziale Gerechtigkeit, über die Gleichberechtigung der Geschlechter, der Selbstbestimmung oder auch über die Gerechtigkeit gegenüber Tieren und der Umwelt.

Die 24. internationale Sommerschule der Waldviertel Akademie hat prominente Wissenschaftler, Intellektuelle, Vertreter aus Kunst, Medien, Wirtschaft und Politik eingeladen, um sich mit dem vielschichtigen Begriff „Gerechtigkeit“ zu beschäftigen. Die Veranstalter der Waldviertler Sommerakademie haben deren Beiträge gesammelt und übersichtlich im vorliegenden Kompendium zusammengestellt.

Die Grundlagen

Otfried Höffe, Professor für Philosophie an der Universität Tübingen, beschäftigt sich schon seit langem mit dem Begriff der „Gerechtigkeit“. Höffe erinnert daran, dass Gerechtigkeit lediglich eine verstärkte „Rechtheit“ meint. Demnach ist gerecht, wer sich an Recht und Gesetz hält. Gerechtigkeit bezeichnet auch das Amt, dem die Aufrechterhaltung von Gesetz und Recht obliegt: die Gerichtsbehörde. Die personale Gerechtigkeit wird ergänzt durch die Justizgerechtigkeit. Die politische Gerechtigkeit sorgt für ein Gerichtswesen und die personale Gerechtigkeit für unparteiische Urteile des Richters. Die Richterschaft hat für Höffe einen hohen Stellenwert.

Der Wiener Philosoph Peter Kampits reflektiert in seinem kurzen Beitrag die Gerechtigkeitstheorien, von der Antike bis zur Gegenwart. Aristoteles hat Gerechtigkeit als jene Grundhaltung bezeichnet, „von der die Menschen die Fähigkeit haben, gerechte Handlungen zu vollziehen, von der sie aus gerecht handeln und ein festes Verlangen nach dem Gerechten haben.“ Für John Rawls ist Gerechtigkeit was freie und vernünftige Menschen in einer anfänglichen Situation der Gleichheit im eigenen Interesse wählen würden.

(Un-) Gerechtigkeit in Euro und Dollar

Nach den grundlegenden Diskussionen zur Gerechtigkeit werden ökonomische Gerechtigkeitsfragen behandelt. Peter Mooslechner, Direktor der Hauptabteilung für Volkswirtschaft in der Österreichischen Nationalbank, analysiert das Geldvermögen der privaten Haushalte in Österreich. Er zeichnet ein eher negatives Bild von der Situation in Österreich. So entfällt auf die obersten 10% der Haushalte mehr als 50% des Vermögens. Die unteren 50% der Haushalte kommen nicht mal auf 10% Vermögen. Gudrun Biffl, vom Wirtschaftsforschungsinstitut, relativiert Peter Mooslechners Darstellungen. Das Durchschnittseinkommen der oberen 10% ist nur 3,3 mal so hoch, wie die der untersten 10%. Biffl verweist jedoch auf die Ungleichheit der Einkommen von Frauen und Männern. 80% aller Frauen in Österreich haben ein geringeres Einkommen als das Durchschnittseinkommen des Mannes. Zum Teil ist das auf den hohen Grad an Teilzeitbeschäftigung bei Frauen zurückzuführen.

Gerechtigkeit in Gesundheit und Pflege

Für Andrea Kdolsky, ehemalige Gesundheits- und Familienministerin, ist das Ziel staatlicher Gesundheitspolitik der freie Zugang zu Gesundheitsgütern und Dienstleistungen. Gerechtigkeit in Gesundheit und Pflege bedeutet, effektive und effiziente Mittelverwendung. Ludwig Kramer, Primarius im AKH Wien, kritisiert den Neoliberalismus im Gesundheitsbereich. Er verweist darauf, dass Lebensdauer und Einkommen besonders stark korrelieren und staatliche Gesundheitsvorsorge weniger Kosten verursacht als private.

Im Buch wurden überwiegend Konzepte sozialer bzw. ökonomischer Gerechtigkeit gesammelt. Trotzdem bietet „Gerechtigkeit – um die rechte Führung des Lebens“ einen außerordentlichen Reichtum an: von rechtlichen, über philosophische, bis hin zu praxisnahen wirtschaftlichen Gerechtigkeitsüberlegungen. Dieser Reichtum ist vor allem den Teilnehmern der Sommerschule geschuldet, Persönlichkeiten aus den verschiedensten Bereichen. Einmütig sind die Teilnehmer in der Kritik am Neoliberalismus. Die Autoren stellen übereinstimmend fest, dass der Neoliberalismus Schuld an der Wirtschaftskrise hat, die soziale Gerechtigkeit aushöhlte und den Wohlstand weiter von unten nach oben verteilte. In der Kritik wird jedoch vergessen, dass „Neoliberalismus“ nur ein Oberbegriff ist, der oft ohne Definition und zur Charakterisierung unterschiedlichster Phänomene verwendet wird. Ein Beitrag, der sich mit der Reflexion und Definition des Begriffes „Neoliberalismus“ eingehend beschäftigt, hätte den Sammelband noch bereichert.

Diese Rezension war eine Auftragsarbeit für die Politische Akademie.

Barack Obama, der erste schwarze Präsident der USA, unterzeichnete kürzlich ein Gesetz, dass 4 Millionen Kindern aus sozial schwächeren Familien den Zugang zur staatlichen Krankenversicherung ermöglicht. Als Loïc Wacquant sein Buch „Bestrafen der Armen“ 2004 im französischen Original veröffentlichte, hätte er diesen Wandeln in der USA wahrscheinlich nicht für möglich gehalten. Malt doch der deklarierte Neoliberalismus-Kritiker ein äußerst düsteres Bild von den USA. Von einem Land, indem einmal alles für jeden möglich gewesen sein soll, nun aber der ungezügelte Abbau des Wohlfahrtsstaates und gleichzeitig der Aufbau des Strafrechtsstaates herrscht. Der Strafrechtstaat aber bestraft die Armen, er zieht eine restriktive ethnische, soziale und kulturelle Linie. Diese Trennung macht Wacquant an den Wirtschaftskriminellen fest. Während nämlich (arme) Kleinkriminelle verhältnismäßig harte Gefängnisstrafen erhalten, müssen Wirtschaftskriminelle aus der Oberschicht gewöhnlich nicht ins Gefängnis. Daher auch die Metapher des Kentaurenstaates, der für die Mittel- und Oberschichten liberal und für die unteren Schichten paternalistisch wirkt.

Der Staat erlebt eine Wandlung vom „welfare“, damit sind einkommensabhängigen Programmen gemeint, die jenen Teilen der Bevölkerung vorbehalten sind, die Anspruch auf staatliche Wohltätigkeit erheben können, zum „workfare“; die Sozialleistungen sind hier mit der Pflicht zur Arbeit gekoppelt. Nach Wacquant dient die restriktive „workfare“ dazu, die unteren Schichten in prekäre Lohnverhältnisse zu zwingen, die den (neoliberalen) Unternehmen nutzen, aber die Familien nicht ernähren können. Der scharfe Stachel des „workfare“ wird mit dem stumpfen Knüppel der expansiven „prisonfare“ verbunden. Durch die straforientierte Disziplinierung sollen die mittellosen Anteile der Bevölkerung in Schach gehalten werden, die aus den prekären Lohnverhältnissen ausbrechen wollen.

Alles System?

Zwar betont Loïc Wacquant zweimal in seinem Buch, nicht an allwissende Herrscher zu glauben, die einen Generalplan ausgetüftelt haben oder gar an Verschwörungstheorien. Auffällig ist aber, wenn er bei seiner Kritik an einem exponierten Law-and-Order-Befürworters, mehrmals dessen Mitgliedschaft in der „größten Freimaurerloge Europas“ erwähnt. Was mit dieser Information dem Leser gesagt werden soll, ist nicht ganz klar. Wacquant versucht in seinem Buch nachzuweisen, dass höhere und härte Strafen keine Auswirkungen auf die Kriminalitätshäufigkeit hat, ja sogar, dass die kriminogene Wirkung der Gefängnisse überhaupt nicht beachtet wird. Die Law-and-Order-Wallungen würden vielmehr eine Reaktion auf die „(…) sozialen und psychische Unsicherheit darstellen, die das Umsichgreifen der desozialisierten Lohnarbeit mit sich bringt und zugleich von ihr ablenkt und sie verallgemeinert.“ (S. 15)

Systematisch würden Politiker diese Mittel einsetzen, denn wie der Professor für Soziologie behauptet: „Sie sehen nicht, dass die Verbrechensbekämpfung nur eine gute Ausrede und hervorragende Plattform für eine umfassende, gleichzeitig an der Wirtschaft-, Wohlfahrts- und Strafrechtsfront operierende Neubestimmung der Reichweite staatlicher Verantwortung ist.“ (S. 50) Gerade hier zeigt sich auch, dass die an sich gut recherchierte und mit Fakten belegte Arbeit dazu tendiert, weltanschaulich spekulativ zu werden. Denn das tatsächlich vom Staat die Verbrechensbekämpfung nur vorgeschoben wird, mit dem bewussten Plan, sozusagen durch die Hintertür die Wohlfahrt einzuschränken, die Ökonomie zu liberalisieren und nicht opportune Bevölkerungsgruppe durch Wegsperren zu eliminieren, kann nicht nachgewiesen werden. Wacquant nimmt sich hier heraus, die Motive aller handelnden Personen zu kennen.

Gefängnishyperinflation und ihre Kosten

Fakt ist aber, dass sich seit 1973 die Häftlingspopulation innerhalb von 10 Jahren verdoppelt und innerhalb von 20 Jahren vervierfacht hat. So bilden alle Gefängnisse zusammengenommen bereits die viertgrößte Stadt in den USA nach Chicago. Die Gefängnisse platzen aus allen Nähten und man hat Probleme genügend neue und finanziell gedeckte Haftanstalten zu bauen. Die Zunahme der Häftlingspopulation ist aber nicht durch eine Zunahme der Gewalt zu erklären, denn die blieb über die Jahre ziemlich stabil. Vielmehr ist der Anstieg eine Folge der Ausdehnung der Haftstrafen für eine Reihe von Straßendelikten und -vergehen, für die früher keine Haftstrafen verhängt wurden. Aber auch verbindliche Mindeststrafen für bestimmte Kategorien von Gesetzesverstößen und automatisch verhängte lebenslängliche Haft bei einer dritten Verurteilung („Three Strikes and You’re Out“-Regelung), steile Eskalation der Strafen für Wiederholungstäter, Anwendung des Erwachsenenstrafrechts auf Angeklagte unter 16 Jahren und Einschränkung oder Abschaffung der Bewährungen hatte daran ihren Anteil. Das Strafverfolgungsnetz holt also immer weiter aus und wird dabei immer engmaschiger. Dazu passt, dass viel Geld investiert wurde, um die Überwachung von Gefangenen und ehemaligen Gefangenen auszubauen. (z.B. durch elektronische Überwachung, Meldepflicht, etc.) Dies alles ist mir irrsinnigen Kosten verbunden, der Strafvollzugssektor ist so schon zum drittgrößten Arbeitgeber der gesamten Nation geworden.

Um das teure System aufrecht zu erhalten, wurden Ausgaben im Gesundheits-, Bildungs- und Sozialwesen eingespart. Ebenso wurden so gut wie alle Resozialisierungsprogramme für Häftlinge gestrichen. Trotzdem reicht das Geld nicht und so gibt es bereits Ansätze die Kosten auf die Häftlingen abzuwälzen: Sie sollen in den Gefängnisse für Privatunternehmen arbeiten, oder gewisse Leistungen (z.B. Essen) selbst bezahlen. Gefängnisse sind heute nur mehr darauf ausgerichtet, möglichst schnell die neuen Häftlinge ins System aufzunehmen und zu verdauen. Betroffen davon ist vor allem das schwarze Subproletariat. Das Gefängnis ist sozusagen ein Ersatzghetto geworden, oder ein „Sozialmüllstaubsauger“ wie es Wacquant nennt.

Neben jungen schwarzen Männern zählen auch die Sexualstraftäter zur primären Zielgruppe des strafrechtlichen Panoptismus. Wobei sich die Hysterie gegen diese Verbrechergruppe immer mehr ausweitet. Seit 1996 Megan’s Law eingeführt wurde, gibt es für ehemalige Sexualstraftäter keine Möglichkeit mehr in Anonymität ein neues Leben zu beginnen. Dadurch wird ihnen aber auch die Chance genommen sich zu bessern, viele ehemalige Sexualstraftäter landen wieder hinter Gitter, nicht wegen eines Sexualdeliktes, sondern in fast alle Fällen wegen einer anderen Straftat. (w.z.B. Diebstahl)

Situation in Europa und Österreich

Das Buch beschäftigt sich vordergründig mit der Situation in den USA, nimmt aber auch Bezug zu der in Europa. Es gibt zwar eindeutige Unterschiede zwischen den Häftlingsraten in den USA und in Europa, Wacquant kritisiert aber, dass Politiker aller Couleur dabei sind, die Methoden aus den USA zu importieren. Dabei kritisiert er auch die „linken“ Politiker die die Law-and-Order-Doktrin übernommen haben sollen. (Lionel Jospin in Frankreich, Tony Blair in Großbritannien und Gehard Schröder in Deutschland)

Österreich erwähnt er in seinem Buch nur einmal, dafür aber in einem sehr positiven Zusammenhang. Nach dem „International Crime Victimization Survey“, welches die Viktimisierungshäufigkeit misst, waren die wenigsten kriminogenen Länder Irland und Österreich. Dazu passt auch die Statistik des Bundesministeriums für Inneres, welche besagt, dass Österreich zu den sichersten Ländern der Welt zählt. So wurden im Jahr 2005 in Deutschland 7.748 und in Finnland gar 15.250 strafbare Handlungen pro hunderttausend Einwohner registriert, in Österreich waren es 7.404 Delikte.

Zukunftsperspektiven

In dem 359 Seiten starken Buch findet man viel Kritik, aber wenig Vorstellungen über ein besseres und gerechteres System. Einzig ein Unterkapitel mit dem Titel „Ein Ausweg aus der Law-and-Order-Falle?“ beschäftigt sich mit möglichen Perspektiven für die Zukunft.

Man solle, so Wacquant, eine Diskussion starten, die klärt, warum man sich auf die Delinquenz der unteren Schichten konzentriert, statt auf betrügerische Börsengeschäfte und Verstöße gegen das Arbeits- oder Steuerrecht. Die Priorität des Staates soll bei der Durchsetzung der Steuer- und Zollgesetze liegen. Allerdings konkretisiert er nicht, wie er sich das genau vorstellt. Man dürfe dann auch nicht mehr bestimmte Bevölkerungsgruppen zu Sündenböcken stilisieren und müsse akzeptieren, dass delinquente Handlungen von autonomen Individuen nicht abartige Wünsche oder bösartige Ziele sind, sondern Netze von vielen verschiedenen, nach ganz unterschiedlichen Logiken miteinander verknüpften Ursachen und Gründen. Die Gegenmittel gegen diese Handlungen müssen daher ebenso vielfältig sein. Außerdem müssen „(…) Autonomie und Würde der Berufe verteidigt werden, die den linken Arm des Staates bilden.“ (S. 289) Mit dem linken Arm meint Wacquant Sozialarbeiter und Psychologen, Lehrer und Sondererzieher, Sozialwohnungsbetreuer und Kinderbetreuerinnen, Krankenpflegerinnen und Ärzte. Am wichtigsten bleibt aber das energische Eintreten für soziale und ökonomische Rechte.

Alles in allem bleibt Wacquant hier in seinen Ausführungen sehr nebulös. Wirkliche Besserungsvorschläge findet man also nicht. Wohl aber gibt das Buch einen umfassenden Überblick über den Ausbau des Strafvollzuges in den USA. Außerdem zeigt es gut auf, wie einerseits die Kriminalität sogar abnimmt, andererseits – durch Medien gepuscht – immer strenger Maßnahmen gefordert werden und subjektiv an eine Kriminalitätssteigerung geglaubt wird. Das expandierende Einsperren kann aber keine Lösung für die Zukunft sein, werden doch sogar im äußerst rigiden USA die Menschen inhaftiert, um später wieder in Freiheit, also in die Gesellschaft entlassen zu werden. Wobei dann das Spiel der Inhaftierung oft von vorne beginnt, da die Rückfallquote von Ex-Häftlingen in den USA besonders hoch ist. Ein weiterer Nachteil des Gefängnisses ist, dass es je inflationärer gebraucht, desto mehr seine abschreckende Wirkung verliert. So kann sich die negative symbolische Besetzung ins Gegenteil verkehren, dann wird die Gefängnisstrafe zum „Abzeichen männlicher Ehre“.

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